Dieser Beitrag wurde uns zur Verfügung gestellt von Prof. Dr. Edmund Braun (Universität zu Köln).


Keine gemeinsame Basis?
Ethikbegründung angesichts globaler Konflikte




Der Rückblick auf das vergangene Jahr hat uns nicht nur vor die große Herausforderung des 11. September gestellt, sondern uns auch erfahren lassen, wie fragil unsere Welt und Zivilisation sind trotz aller Versicherungsmechanismen, die wir überall einzubauen bestrebt sind.



I Die dramatischen Ereignisse des 11. September

Die dramatischen Ereignisse des 11. September hätten nicht überraschen dürfen. André Glucksmann unterstreicht noch: "Mich überrascht nur, dass man überrascht wurde".
Und den Satz, den man allerorts zu hören bekommt: "Seit dem 11. September ist nichts mehr wie es war", muss man energisch bestreiten. Er ist eine maßlose Übertreibung, die selbst nicht ohne Gefahr ist. Denn suggeriert wird, dass vor dem Datum des 11. September die Welt noch in Ordnung gewesen sei. Als ob nicht die zuvor und ungebrochen danach herrschende so genannte "Weltordnung" täglich in einem ungeheuren Maße Menschenleben tötete durch Krieg oder durch die Logik des Marktes. 'Alles anders' ist nur für den, der sich stets lediglich auf die Tagespolitik konzentriert und alles andere verdrängt.

Indes angesichts der schrecklichen Vorgänge des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt, die insbesondere deutlich gemacht haben, dass dem Menschen nichts Unmenschliches fremd ist, ja dass er die Fähigkeit hat, nicht nur Auschwitz zu erleiden, sondern auch zu schaffen, zu tolerieren und im Wegschauen zu ignorieren, nimmt sich dieser Satz als unverantwortlich aus, sind uns doch die Geschehnisse immer wieder bestürzend erinnerlich. Und es muss uns der Gedanke geradezu bedrängen, dass das, weil es einmal möglich war, immer wieder auftreten kann.

Der 11. September sollte daher Anlass zur Ursachenforschung sein, um die Wurzel des Terrorismus zu beseitigen. Der Terror des 11. September ist ein Anschlag auf die offene Gesellschaft in ihrer dekadenten Ausprägung. Die Erschütterungen über diese Ereignisse verbieten es, dass bestimmte Handlungsweisen unseres öffentlichen und nicht zuletzt politisch-gesellschaftlichen Lebens länger eine Akzeptabilität genießen können. Nur mit einer veränderten Politik kann dem Terror der Boden entzogen werden. Sonst kann man sicher sein, dass bald wieder alles von vorne beginnt. Und ein Krieg kann nicht eine Antwort und auch nicht die Lösung sein, auch wenn sich der Krieg als Mittel der Politik wieder zu etablieren scheint und man sich in zynischer Weise um die 'Zivilisierung' des Krieges streitet.
Die Ursachenforschung bietet die einzige positive Chance, sich unseren Markt-Fundamentalismus und unsere Gewalt gegen andere Kulturen bewusst zu machen. So z. B. die zivilisatorische Hegemonie des Westens, die die Selbstachtung anderer Kulturen verletzt und ununterbrochen demütigt.
Es handelt sich also nicht gemäß der Huntingtonssche These um einen Kampf der Kulturen (Clash of civilisation),der in den kulturellen inkommensurablen Differenzen seinen Grund hat und Verständigung unmöglich macht.

Im Sinne der Ursachenforschung muss der Westen sich ernsthaft die Frage stellen, ob er nicht den Terrorismus durch seine verfolgte Markt-Wirtschaft und angemaßte Machtüberlegenheit gegen den 'Rest der Welt' selbst produziert hat?
Die Markt-Wirtschaft hat den Verlockungen der Macht nicht widerstanden. Die Logik des Marktes wurde zum eigenen Vorteil benutzt um des Wohlstandes des Westens willen.
Der Westen spielte seine überlegene Macht aus, wenn der eigene Vorteil zur Disposition stand. Durch die Kurzsichtigkeit des Westens wurde es unmöglich für die Entwicklungsländer, eine intakte freie Marktwirtschaft selbst einzuführen. Der Westen hat auf Kosten der anderen in der Welt agiert.

Der freie, von Gewinn- und Konsuminteressen gestaltete Markt ist aber nicht das Wesentliche einer offenen Welt-Gesellschaft, sondern kann gerade zu ihrer Bedrohung werden. Die Verteidigung der offenen Gesellschaft mündet nicht in eine Apologie des entfesselten globalen Marktes.
Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des 11. September in diesem Zusammenhang gibt Nietzsche , wenn er sagt: Menschen des Ressentiments können sich nur "durch eine imaginäre Rache schadlos" halten. Und es ist der Reiche, der den Hass des ressentimentalen Menschen auf sich zieht. Durch die Indifferenz der Reichen, die die Macht haben und es nicht einmal nötig haben zu hassen und Rache zu üben, entsteht die intensivste Art von Feindschaft und Terror.


II Analyse der Gegenwart

1. Wir erfuhren unmittelbar nach dem 11. September, dass zwei Blöcke, die sich gegenseitig den Terrorismus und Fundamentalismus vorwarfen, unversöhnlich gegeneinander standen:
- einerseits der Islam, der den Westen als einen ungläubigen Kapitalismus tituliert und die Feindseligkeit gegen ihn als religiöse Pflicht ansieht.
Bereits 1998 veröffentlichte die in London erscheinende arabische Tageszeitung den Aufruf: "Wir rufen mit Gottes Hilfe jeden Menschen, der an Gott glaubt und von ihm für die Ausführung seiner Befehle belohnt werden will, dazu auf, die Amerikaner zu töten, wo immer und wann immer er sie auch finden mag."
- andererseits der Westen, der die islamistischen Fundamentalisten als Terroristen bezeichnet, die es mit einem anderen Gott zu vernichten gilt.

Eine nüchterne Analyse besagt jedoch, dass neben den Attentätern und ihren Hintermännern auch eine bestimmte, seit langem verfolgte, amerikanische und europäische Politik gegenüber dem arabischen Teil der Welt für mitverantwortlich angesehen werden muss. Und fatal ist es geradezu, wenn wir unsere Betroffenheit angesichts der tragischen Ereignisse damit zu bewältigen suchen, ein Feindbild zu entwickeln.
Zorn und Hass streben nach umgehender Rache. Der entschlossene Wille zur Rache gehorcht einer zwanghaften Logik. Die Rache gehorcht im Unterschied zur vernünftigen Intervention dem Gebot der 'Wiederkehr des schlechten Gleichen' das keine Möglichkeiten des Lassens kennt, sondern nur Eskalation. Die Rachsucht gibt unserer Betroffenheit zwar ein Gepräge, aber kein menschliches.

2. Und wenn von Verteidigung der westlichen Werte die Rede ist, muss man die Frage verschärfen: Auf welche Werte beruft sich der Westen, die es zu verteidigen gilt und zwar durch Krieg? Die Anwort, die dann schnell herausposaunt wird, lautet: Demokratie, Freiheit (Autonomie) und Toleranz.

Was beinhalten diese Werte? Und was hat es mit dem liberalen Credo des Westens und seiner geistigen Tradition auf sich? Fragen wir uns also:

Was ist von der Idee der Demokratie übrig geblieben? Demokratie als Herrschaft der Mehrheit?

Aber Demokratie als bloße Herrschaft der Mehrheit misszuverstehen, kann gerade verhängnisvoll sein, insbesondere wenn der Volkssouverän ungebildet ist. Jedenfalls kann sie alles Mögliche sein, was sich in einem argumentativen Diskurs nicht rechtfertigen ließe. Dies sei mit Bezug auf die z.Z. angestiftete politische Diskussion über den Volksentscheid gesagt.
Es ist erschütternd, wie sehr die Wahrnehmungsfähigkeit unserer Gesellschaft nicht eben erweitert und vertieft, sondern zunehmend eingeengt und oberflächlich wird. Alles, was verhandelt werden mussund hohe Anforderungen stellt an das Problembewusstsein der Menschen, wird auf die Unterhaltungsebene heruntergezerrt. Es darf nichts mehr schwer sein und die Anstrengung des Begriffs erfordern.
Ücbrig geblieben ist eine 'demokratische' Politik, die in Darstellung und Prozess in einem hohen Maß auf eine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung mehr und mehr verzichtet. Das, womit tiefgreifende Konflikte gelöst werden sollen, wird weitgehend ausgeklammert.

Und was ist mit der Idee der Freiheit als westlichem Wert?
Es herrscht ein großer Hang zur postmodernen Beliebigkeit, die die Unverbindlichkeit der Maßstäbe mit einer sehr hohen Individualisierung verbindet und in ihrer Uneingeschränktheit und Ästhetisierung immer mit einer Sympathie zur Macht und einer Faszination der Gewalt zu tun hat.

Und was hat es mit unserem Prinzip der Toleranz als westlichem Wert auf sich?
Unser Toleranzverständnis basiert re vera auf Indifferenz, insofern Toleranz als Gleich-Gültigkeit und daher Gleichgültigkeit gegenüber den moralischen, den kulturellen und religiösen Haltungen der anderen verstanden wird und das Spannungsverhältnis der Unterschiede zu Ungunsten des normativen Universalismus aufgelöst wird. Dieses Toleranzverständnis geht von dem Gedanken aus, dass es ganz verschiedene Interpretationen des moralisch Richtigen und Falschen gibt und dass nur der, der diese Relativität des Moralischen akzeptiert, in normativen Fragen Toleranz gegenüber abweichenden Positionen walten lassen kann.
Insofern versteht man Toleranz als die Kardinaltugend der Demokratie. Und man glaubt, dieser Tugend dadurch gerecht zu werden, dass man den Glauben an universale Prinzipien aufgeben muss.

Was hat also der Westen dann überhaupt noch zu verteidigen, wenn sein Modell derart fragwürdig ist? Was sind die namhaft gemachten Werte der westlichen Zivilisation mehr als Worthülsen?
Bleibt nicht in Wahrheit die imperialistische Konsumkultur mit ihrem obszönen Wohlstand als höchster Wert?
Lügen wir uns nicht ständig über die Dekadenz unserer Gesellschaft hinweg?


III Wende als notwendende Kehrtwende

Daher ist Umdenken angesagt. Verantwortungsbewusste Schritte hin zu einer Welt, in der statt Krieg und Tod, Vernunft und Frieden herrschen.
Nur ein Wandel kann für die Zukunft barbarische und unmenschliche Anschläge und Aggressionen unmöglich machen.

Um das Wie hätte es im Herbst allerdings eine Menge heißer Debatten geben müssen und können.
Freilich kann es bei den Lösungsmöglichkeiten nicht schlicht um Kompromisse oder um Konsens und auch nicht darum gehen, sich selbstquälerisch an die Brust zu schlagen und zu fragen, was man falsch gemacht hat.

Es geht um eine vernünftige Basis, eine Weltgesellschaft zu errichten, die der Würde des Menschen entspricht. Es geht um eine menschendienliche Ordnung der Weltgesellschaft und der Welt.
Dazu müssen wir freilich Ausprägungen unseres Denkens und Handelns suchen, die Bestand haben, gerade dann, wenn es krisenhaft wird. Und da ist die Kernfrage'was ist der Mensch?', um die Frage nach der Menschenwürde zu beantworten. Wenn wir diese Frage nicht beantworten oder nur in Leerformeln vor uns her reden, also die Würde des Menschen nicht füllen, wird uns die Kehrtwende nicht gelingen.

Wir müssen erkennen, dass im Menschen als moralischem Subjekt, in seinen Potenzialen und seinen unverzichtbar zu erbringenden Voraussetzungen der Kernpunkt liegt, auch die Beantwortung der Frage, wie eine gemeinsame menschenwürdige Zukunft gestaltet werden kann.
Genauer: Wir müssen ausmessen, was Vernunft heißt, weil Unvernunft auf Dauer keinen Raum und auch keinen Bestand hat. Der Anspruch des Menschen beinhaltet, logosfähig zu sein, vernünftig zu sein. Und dies bedeutet, dass er sinn- und geltungskompetent über sich und die Welt reflektieren kann, seine Zwecke selber setzen muss und Ziele verfolgen kann. Dabei gerät er unausbleiblich in die Spannung von Sein und Sollen. Und das heißt mit anderen Worten: es geht um das Vernünftige, das für alle Menschen gilt und für alle Kulturen möglich ist und nicht nur für die Tradition des christlichen Abendlandes. Wir suchen nach Grundsätzen, die universal sind und für jeden Menschen grundsätzlich einsichtsfähig sind, und diese dürfen nicht zu einer Engführung des Selbstverständnisses des Menschen führen.
Diese Einsicht, die die Freiheit und die Würde des Menschen betrifft, ist etwas, hinter das wir nicht zurück können, nicht in Europa, auch nicht in Bagdad, auch nicht in Peking, überall in der Welt. Es ist unhintergehbar.
Es geht um den normativen Kern vernünftigen Denkens und Handelns umwillen einer offenen menschenwürdigen Weltgesellschaft.

1. Kehrtwende und die Pluralität der Werte in den unterschiedlichen Kulturen

Nun muss berücksichtigt werden, dass Werte weder als eigenständige abstrakte Wesenheiten anzusehen noch als Eigenschaften einer Sache oder Handlung zu verstehen sind, sondern dass das Werthafte nur in Beziehung auf den Menschen dadurch, dass er Werte setzt und sie als etwas anerkennt und erstrebt, existiert. Mit dieser Feststellung ist der Zweifel an der Objektivität von Werten verbunden, d.h. an der Berechtigung des Anspruchs, dass Werte überregional, überzeitlich und allgemein gültige Geltung haben.
Als Beleg für diese Auffassung lassen sich die vielfältigen Bedingtheiten historischer, kultureller, regionaler, geschichtlicher und individueller Wertsysteme anführen, in deren Rahmen Werte die Funktion handlungsleitender Richtziele und Orientierungsmaßstäbe für stets zu wählende Handlungsalternativen haben.
Solchermaßen wird als Wert verstanden, was als Sinn bzw. Norm für die Bevorzugung (Präferenz) einer Handlung vor anderen zugrundeliegt.

Die Forderung, sich nach bestimmten Werten zu richten oder sie zu verwirklichen, klingt abstrakt, wenn man sie nicht im ursprünglichen Zusammenhang der Handlung begreift. Dem Menschen scheint etwas als wertvoll, weil er als Bedürfniswesen bestimmter Lebensgüter bedarf, um zu überleben. Durch Sprache ist er in der Lage, sie zu artikulieren und als solche als wertvolle anzustreben.
Dabei scheint das Bewerten selbst Moment subjektiver Stellungnahmen zu sein, insofern die verschiedenen Akte des Vorziehens und Zurückstellens von Lebensmittel individuellen Präferenzen entsprechen. Denn im Zustand des Hungers erscheint mir Brot wertvoller als Bücher.
Im gegenwärtig herrschenden Meinungsklima spielt, wie oben schon angedeutet, ein Argument eine wichtige Rolle, das die Gesellschaft prägt:
Das Argument besagt, "Friedliches Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft sei generell nur möglich, wenn normative Wahrheitsansprüche aufgegeben würden."
Dem Argument zufolge bedrohen normative Wahrheits- oder Richtigkeitsansprüche den inneren und äußeren Frieden. Demzufolge kann ein normativer Wahrheits- oder Richtigkeitsanspruch ausschließlich subjektiv sein.

Dieses Argument von der Unvereinbarkeit von Universalismus und Pluralismus führt in der Postmoderne zur Verstärkung des Individualismus und zum indifferenten Pluralismus sowie zur Atomisierung der Ausdrucksformen des individuellen Lebens und damit zur Infragestellung der Vernunft als der zur Wahrheit befähigten Prinzipieninstanz.
Diese Position scheint attraktiv und liberal zu sein, ist aber durch einen unberechenbaren ethischen Relativismus gekennzeichnet. Ein einflussreicher Philosoph der USA, Richard Rorty, der diese Position vertritt, ist es aber gerade, der im Zusammenhang mit dem Afghanistankonflikt zur stärkeren Militarisierung der USA aufruft und die Forderung stellt, die Welt zu verwestlichen. Er vertritt damit die Gegenposition des malaysischen Premiers, der fordert, den Westen zu asiatisieren.
Der Weg zu einer wertplural orientierten offenen Weltgesellschaft lässt aber die wichtigste Frage aufkeimen, bis zu welchem Maß ein derartiger Dissens von Werthaltungen verträglich ist.
Das Moralische im Sinne der Aufklärung muss für viele Formen von Wertauffassungen und Werthaltungen offen sein. Dabei darf Offenheit aber eben nicht völlige Gleich-Gültigkeit und damit Gleichgültigkeit, also nicht indifferenten Pluralismus beinhalten. Die wertplurale offene Gesellschaft kommt ohne eine gemeinsame Basis mit Bezug auf Wertverständigung einerseits und vor allem eine Geltungsbeurteilung andererseits nicht aus. Sie muss sich zwar auf ein Minimum beschränken, aber diese 'Minima Moralia' (Adorno) sind unerlässlich für das erträgliche Zusammenleben. Das Minimum ist die Reduktion auf die Verpflichtung zur Realisierung der unverzichtbaren Voraussetzungen vernünftiger Wertstiftung und ihrer Geltungsbeurteilung.

Was also auf dem Spiele steht, ist die weitere Entwicklung und Festigung der wertplural orientierten rationalen Gesamtgesellschaft und damit die Sicherung der basalen Persönlichkeits- und Freiheitsrechte eines jeden in dieser Gesellschaft. Wertplurale Gesellschaft mit ihren offenen Möglichkeiten im Bereich moralischer Wertung und Praxis bedeutet aber nicht, diese Gesellschaft bewege sich auf einen moralfreien Zustand eines atomisierten Individualismus zu, noch intendiert sie einen derartigen Zustand als Zielorientierung unserer Zukunft.
Wenn der Mensch seine Menschenwürde und Menschenrechte bewahren will, dann bedarf er der Rationalität des Moralischen unweigerlich. Es gibt keine Alternative.


2. Das Diskursprinzip als Bedingung der Möglichkeit der Gleichberechtigung aller und als unverzichtbare Voraussetzung der Wertstiftung und Beurteilung

Nun ist aber der universale moral point of view nicht in der Ausgelegtheit von moralischen Standpunkten und Werthaltungen der Gesellschaftsmitglieder zu finden, sondern in den Regeln der Verständigung und Geltungsbeurteilung von Normen und Werten selbst zwischen den Mitgliedern anzutreffen.
Daher rekonstruiert die Diskurs-Ethik ein ganz alltägliches implizites Gebrauchswissen, von dem wir gar nicht explizit wissen, dass wir es immer gebrauchen, um eine gelungene Verständigung und eine Geltungsbeurteilung zu vollziehen.

Ein normativ-universalistisches Grundprinzip, das die Rationalität des Moralischen im Sinne einer Minimalmoral ermöglicht, ist das Diskursprinzip, das ich daher im Folgenden in Kürze expliziere.

Dieses autonome Vernunftprinzip der Ethik lässt sich begründend gewinnen aus der strikten Reflexion auf die unausweichlichen Bedingungen der Möglichkeit aller Vernunftaktivitäten, d.h. auf das, was wir im ernsthaften Denken, Wissen, Handeln, ja schon beim Aufwerfen einer Frage notwendigerweise vorausgesetzt und anerkannt haben müssen, insofern sich nur auf Grund der Autonomie-Regeln eines Diskurses und insofern im Rahmen einer diskursiven Kommunikationsgemeinschaft gültige Urteile, Thesen, Handlungen und Normen begründen lassen.
Es handelt sich also bei dem normativ ethischen Diskurs-Prinzip um ein implizites, nicht regionalistisches normatives Vernunftausübungs-Wissen (über anzuwendende logische und sprachliche Voraussetzungen) insbesondere über die sozialen Voraussetzungen der Möglichkeit des Teilens von intersubjektiv gültigem Sinn und über die Einlösung von erhobenen universalen Geltungsansprüchen, das wir durch eine strikte Reflexion explizit machen können.
Da unsere Vernunftausübungen fortgesetzt über die Kooperation mit anderen Subjekten organisiert werden, ist der Diskurs die einzig denkbare Legitimationsinstanz für strittige Geltungsansprüche und demzufolge die Basis jeder vernunftorientierten Entscheidungssituation. Er ist geltungslogisch unhintergehbar und muss als die einzige, nichthintergehbare Form von Vernünftigkeit überhaupt verstanden werden.

Es gibt also keine Vernunft , außer wir realisieren sie . Die Bedingung der Möglichkeit der Realisierung ist jedoch die reziproke Anerkennung des Diskurs-Prinzips und seiner normativen Voraussetzungen, das sich als Grundnorm der Ethik jenseits aller historisch-soziokulturellen Vielfalt von Handlungsbedingungen ausweisen lässt. Es ist geltungslogisch von den Perspektiven einzelner Gruppen, kontingenter Mehrheiten und sozialer Konventionen einer Lebenswelt unabhängig.

Hier wird schon deutlich, warum bei Konflikten auf Reflexionen in der Form rationaler Diskurse insistiert werden muss. Denn die Bedingungen der Möglichkeit von vernunftorientierten Aktivitäten machen überzeugend deutlich, dass im dem Maße vernünftige Orientierungswerte nur gefunden werden können und das heute zunehmende uneingeschränkte eigeninteressierte Handeln nur eingedämmt werden kann, wie der universale Kernbestand der Moral realisiert wird. Dieser Kernbestand kann aber nur in dem Maße realisiert werden, wie der Verpflichtung zum grundlegenden, bedeutungsstiftenden und geltungsbeurteilenden Diskurs und zur Anerkennung seiner normativen Prinzipien als unausweichlicher Voraussetzungen seines Gelingens von den Mitgliedern der Kommunikationsgemeinschaft nachgekommen wird, mit anderen Worten: wie das im Diskursprinzip implizite Universalisierungsprinzip durch die einzelnen Individuen realisiert wird. Und dies heißt: Der Kernbestand der Ethik kann nur in dem Maße realisiert werden, wie Reflexions-, Verständigungs- und Legitimationsbereitschaft eines jeden, sich im Diskurs mit Bezug auf die Realisierung seiner Interessen zu ver-antworten und sein Handeln der öffentlichen Prüfung auszusetzen, gegeben ist.
Insofern darf eine humane Gesellschaft niemals die Überzeugung ablegen, dass ein immer dem Wandel unterworfener Bereich von Wert- und Normvorstellungen seine Begrenzung in einem menschlicher Verfügung und Zustimmung entzogenen univeralen Kernbestand findet.
Es gehört zur kategorischen Verpflichtung unserer reflexiven Diskursfähigkeit, Diskurse immer dort zu führen, wo es darum geht, den Belangen prinzipiell aller gerecht zu werden. Dabei wird es in den Diskursen nie vorrangig um Tatsachenwissen gehen, sondern wesentlich um die Geltungsfrage nach dem, was menschliches Leben menschenwürdig zu machen vermag.

Das Neue im Verständnis der Moral als Diskursmoral liegt, wie deutlich wird, in ihrer unausweichlichen Notwendigkeit. Durch sie wird nicht nur der Wandel des Denkens angemahnt, sondern die normative Einsicht zum Wandel verschafft, damit trotz der explosiv beschleunigten Entwicklung unserer Gesellschaft das Humanum möglich bleibt oder wo es verloren, wieder hergestellt wird.

Kritische Moralität im Sinne der Diskursmoral und ihr normativer Inhalt sind letztlich gekennzeichnet durch den kategorischen Imperativ der prinzipiell zu universalisierenden Reziprozität von Gerechtigkeit, Solidarität und Mitverantwortung.

Begründet ist mithin diese universale Moralität in der normativen reflexiven Einsicht in die unhintergehbare Praxis des argumentativen Vernunftverhaltens, durch die sich intersubjektiv verbindliche Verhaltensgrundsätze sowie unbedingt gültige Beurteilungs- und Akzeptanz-Kriterien erweisen lassen, - gültig und verbindlich auch für diejenigen, welche bestreiten oder es skeptisch dahingestellt sein lassen, ob es Gültiges und Verbindliches geben könne.
Der argumentative Diskurs mit seinen konstitutiven Regeln (Prinzipien) ist die einzige unhintergehbare Bedingung der Möglichkeit von Sinn und Gültigkeit, sein konstitutives Element ist die dialogische Gegenseitigkeit.
Die unbedingte Verbindlichkeit des Diskursprinzips ist der universale Kernbestand und die Basis einer human verfassten Weltgesellschaft.
Mit diesem Diskursprinzip sind 8 Kennzeichnungen (Wesenselemente) verbunden, die für eine offene, menschenwürdige Gesellschaft konstitutiv sind:

1.) der Universalismus , ein allgemein gültiges ethisches Prinzip, das unbedingt verbindlich und mit der Vielzahl kultureller Wertungen vereinbar ist –
Nur auf der Grundlage der universalistischen Diskursverpflichtung und ihrer ethisch relevanten Autonomieregeln kann eine offene humane Weltgesellschaft entstehen,

2.) der Individualismus, die Autonomie des einzelnen -
Erstens ist das Individuum als Basis der diskursiven Anstrengungen trotz seines unverzichtbaren Bezugs auf andere als Diskurssubjekten zu verstehen, und zwar in der Hinsicht, dass er performativ in der ersten Person sich als Urheber des artikulierten Standpunktes versteht und die Ver-antwortung für dieses Artikulierte übernimmt; zweitens ist seine freie eigene Einsicht und sein souveräner Zu-, Ab- oder Widerspruch zu akzeptieren. Der einzelne zählt nicht qua Gruppenzugehörigkeit. Und die Legitimität institutionellen Handelns legitimiert sich ausschließlich von einzelnen Individuen,

3.) eine begründungsorientierte Politik-
Begründung wird nicht erfüllt, durch bloßes Vorbringen eines Arguments, sondern allererst eingelöst durch eine dialogbezogene Begründung, die erst dann erfüllt ist, wenn jedermann zustimmen könnte. Begründen heißt dialogbezogen den Autonomieanspruch anderer zu achten und offen für die Vielzahl der möglichen Gegenargumente zu sein. Insofern ist Individualismus auch erst in einer und in Bezug auf eine Argumentationsgemeinschaft realisierbar. Begründungsorientierte politische Praxis hat von ihrer Intention her, den partikularen Standpunkt zu verlassen. Wer eine Begründung vorbringt, vertritt diese gegenüber jedem kritischen Einwand. Standpunkte werden nicht dadurch richtig, dass sie Mehrheiten gewinnen und sie werden nicht dadurch falsch, dass sie sich in der politischen Meinungsbildung nicht behaupten. Abstimmungen entscheiden keine Wahrheitsfragen. Abstimmungen bleiben transitorisches demokratisches Hilfsmittel,

4.) die kulturelle Öffentlichkeit
Sie hängt mit dem Akt der Begründung gegen jedermanns Einwände zusammen. Begründungen richten sich grundsätzlich und unverzichtbar an alle, die Zweifel vorbringen oder vorbringen könnten. Der politische Diskurs in einer offenen Gesellschaft richtet sich an die politische und kulturelle Öffentlichkeit und muss entsprechend von einer Kultur des öffentlichen Argumentierens getragen werden. Ohne das Ethos der Begründung zerbricht das normative Fundament einer demokratischen und zivilen Gesellschaft. Dabei ist es notwendig, einen reichhaltigen, gehaltvollen und konkreten Begriff des Menschen als Vernunftsubjekts zu Grunde zu legen, der sowohl seiner Autonomie als auch seiner Eingeschränktheit durch Abhängigkeit entspricht

5.) die Verpflichtung zur Gerechtigkeit als Gleichberechtigung aller Diskurspartner hinsichtlich der Erhebung von Geltungsansprüchen und Prüfung ihrer Geltungswürdigkeit,

6.) die Solidarität aller hinsichtlich der Angewiesenheit zur Kooperation beim gemeinsamen Unternehmen der diskursiven Problemlösungen,

7.) die Verantwortung -
Sie ist aber kein gegenstandsbezogener Begriff, sondern Verantwortung kommt von dem Tätigkeitswort ver-antworten. D.h. Reden und Taten sind hinsichtlich ihrer Auswirkungen mit Argumenten zu ver- antwortengegenüber Einwänden anderer, die so weitwie möglich und solange wie möglich als Anspruchssubjekte zu behaltenund als Dialogpartner anzuerkennen sowie zu achten sind . Der Sinn von Verantwortung liegt in der dialogischen Rechtfertigung als Prüfungsinstanz zur Mit - Verantwortungbei dem solidarischen Unternehmen der diskursiven Identifizierung und Lösung aller Probleme. Unter Mit-Verantwortung ist nicht die konventionell institutionalisierte oder auf Grund von Kompetenz, Macht und Einfluss sich ergebende zurechenbare individuelle Rollen-Verantwortung für etwas verstanden, sondern die postkonventionelle universale Mit-Verantwortung aller auf allen Ebenen der Kooperation, die vor jeder und für jede Zurechenbarkeit von Rollen-Verantwortung notwendige Voraussetzung ist.

An den Begriffen der Verantwortung und Begründung wird deutlich, dass das Diskursprinzip streng genommen, nicht einen unverbindlichen Status einer Setzung oder einer kontingenten und partikularen oder kulturrelativen und traditionsabhängigen Wertpräferenz hat, sondern einen unbedingten Verbindlichkeitscharakter.

8.) Toleranz aus Achtung und Anerkennung im Sinne, jedermann ernst zu nehmen -
Die einzige Option einer Befriedigung, existenzielle Differenzen auszuhalten, ist, den Mitgliedern der jeweils anderen Gruppe so weit mit Respekt zu begegnen, dass eine Koexistenz möglich wird. Diese Toleranz ebnet nicht die jeweils kulturell geprägten Unterschiede ein. Sie begegnet den Mitgliedern der jeweils anderen Gruppe in der kognitiven argumentativen Auseinandersetzung mit Respekt. Sie ermöglicht erst stabile und zivile Gesellschaften, die auf Kooperation gründen, auch wenn sie langfristig über Differenzen von Interessen und kulturellen Prägungen hinweg stabil sein sollen.
Sie erfordert indes die Bereitschaft, denjenigen Grundnormen und Prinzipien reziprok zu entsprechen, die für alle Beteiligten verschiedener Kulturen über alle Differenzen der Interessen und der kulturellen Prägungen hinweg verpflichtend sind.
Toleranz als Achtung und Anerkennung auf der Basis des universalen Diskursprinzips stellt für die existenziellen Prägungen humaner Gesellschaften eine Herausforderung dar – den je anderen Lebensentwurf in kritischer Distanz zu respektieren. Toleranz als Prinzip kann daher dem Diskursprinzip nicht vorgelagert sein. Die kulturellen Prägungen, die tief in den alltäglichen Kooperations- und Verständigungsformen verankert sind, müssen mit dem universalen Diskursprinzip prinzipiell vereinbar sein. Wo dies nicht der Fall ist und in Abweisung des Diskursprinzips Beliebigkeit und Gewalt vorherrscht, kann dies gerade nicht toleriert werden, sondern muss der unermüdliche Versuch gemacht werden, den Diskurs wieder in Gang zu setzen. Eine vollständige Harmonie wird sich nie herstellen lassen. Im Verständnis der Argumentationsgemeinschaft ist ein Spannungsverhältnis angelegt, das ausgetragen werden muss, um eine zivile menschliche Weltgesellschaft zu ermöglichen.

3. Die konkrete Praxissituation

Dabei ist zu berücksichtigen, dass die konkrete Praxis nie ideal ist. Die konkrete Praxis

1. liegt einmal so vor, wie sie normalerweise vorliegt, dergestalt,
- dass Gegenseitigkeit der diskursiven Verständigung zwischen den Handlungssubjekten und den von den Handlungen Betroffenen prinzipiellnicht gegeben sein kann (so mit Bezug auf die kommenden Generationen, usw.),
- oder aus strategischen und der moralischen Legislatur sich entziehenden Gründen nicht realisierbar ist

2. liegt in konkreten Praxisbereichenmit ihren typischen so genannten spezifischen Sachzwängen (so z. B. in Wirtschaft, und Wissenschaft u.a.) vor,

3. liegt in konkreten Situationen mit ihrer moralisch-problematischen, moralisch-irritierenden oder auf Grund vorliegender konfligierender Ansprüche dilemmatischen Verfasstheit vor.

Unangesehen dieses Umstandes ist jede vorgegebene Situation normativ-pragmatisch verfasst. Eine Handlungssituation ist nicht verkürzt als eine bloß empirisch vorgegebene Situation misszuverstehen, sondern jede Handlungssituation ist eine sinnhafte (interpretative), in einem sozialen Kontext handelnder Subjekte eingebettete und nur unter Berücksichtigung ihres jeweiligen intentionalen Sinnhorizontes mit ihren konstitutiv inhärierenden Geltungs-"Ansprüchen" Dritter, die sie erhoben haben, zu verstehende und zu beurteilende konkrete Situation. Sie ist eine Situation, die zu einer angemessenen Be-antwortung, d.h. zu einer situationsbezogenen stets unter Alternativen vorzunehmenden individualisierten und zu ver-antwortenden Reaktion auffordert.
Jede konkrete Situation ist also normativ-pragmatisch verfasst, weil ihr stets reziprok-auffordernde universale Geltungs-"Ansprüche", sowie konkrete Interessen als kontingente Geltungs-'Ansprüche' sowohl der handelnden sowie Dritter Personen anhaften und insofern auch immer von problematischer oder dilemmatischer Qualität sein können.
Für jede Situation gilt daher, dass ihre vernünftige Be- und zugleich Ver-Ant-Wortung von der Anerkennungund Befolgungdes Diskursprinzips und seiner universalen Norm-Präskriptionen abhängt. Eine vernünftige Be- und zugleich Ver-Ant-Wortung ist ausschließlich durch argumentative Verständigung über die problematische oder dilemmatische Qualität der Situation, d.h. über Unzumutbarkeit und über Verantwortbarkeit der Nichtberücksichtigung berechtigter Ansprüche Dritter möglich. [Nur die argumentative Verständigung vermag, eine mögliche zu verantwortende und zumutbare Suspendierung bestehender gültiger moralischer Normen zu legitimieren und eine situative Norm-Präskription als kritisch-normatives Orientierungswissen für diese konkrete Handlungsentscheidung aufzustellen.]
Die Kriterien dafür, welches Maß an Verlust, an Nachteilen, Beeinträchtigungen, sowie welche Folgen die Nichtbeachtung universaler Geltungsansprüche resp. berechtigter Interessensansprüche Dritter für alle Beteiligten und Betroffenen verantwortbar sind, ist stets und nicht nur gelegentlich in einem Diskurs zu eruieren.


4. Intervention

Dergestalt interveniert diskursethisches Verhalten in normative Handlungsstrukturen mit der Intention, ihnen eine rationale moralisch-qualifizierte Imprägnation zu verleihen.
Dazu bedarf es, normative Verflechtungen bestimmter problematisch gewordener Praxisbereiche oder konkreter dilemmatischer Situationen, die den Ursprung moralischer Irritationen darstellen, zu eruieren - um durch diskursive Interventionen eine Melioration im Sinne einer moralisch qualifizierte Imprägnierung zu erreichen.
Auf der Applikationsebene vollzieht sich die Diskursethik unaufhörlich als interventionalistische moralisch-kriteriologische Reflexion, der die Qualität einer Argumentationsmacht zur Beförderung eines moralisch qualifizierten Orientierungswissens eignet, um normative Handlungsstrukturen zu modifizieren.

Moralisches Handeln im diskursethischen Sinne bedeutet den ständigen Versuch, die Problemsituationen, die konkret situativ und d.h. auch immer normativ vorgegeben sind und auf die es durch diskursives Intervenieren antwortet – seien sie von moralisch problematischer, irritierender oder sogar dilemmatischer, oder von einer antimoralischen, (nicht a-moralischen) oder der moralischen Legislation sich entziehenden Beschaffenheit geprägt – mit einer moralischen Qualifikation umgehend oder langfristig zu imprägnieren.

Die Grundidee besteht also darin, dass sich trotz der vielerlei Hinsichten differierender moralischer Überzeugungen und Standpunkte ein gemeinsamer Kern rekonstruieren lässt, der als Voraussetzungen vernünftiger Überzeugungstiftungen und Überzeugungsgeltungen einsichtig zu machen ist .

Aus der reflexiven Rekonstruktion ergeben sich minimale, aber allgemein gültige Prinzipien. Dieser Ansatz ist nicht zuletzt deswegen so attraktiv, weil er auf der Basis allgemein gültiger und unhintergehbarer unbedingter Prinzipien die Möglichkeit lässt für Lösungen spezifischer moralischer Fragen. Die Konzeption erlaubt auch die Anerkennung von Differenzen. So sind universale normative Prinzipien mit einer Pluralität von Lebensformen vereinbar – entgegen der Sichtweise der postmodernen Relativisten, die behaupten, dass friedliches Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft nur möglich sei, wenn normative Wahrheitsansprüche aufgegeben würden.


IV Schlussbetrachtung

Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass Millionen Frauen bei der Geburt ihrer Kinder sterben, dass eine Milliarde Menschen niemals sauberes Wasser bekommt, dass im 21. Jahrhundert mehr Menschen an Aids sterben als im 14. Jh. an der Pest, dass die Industrieländer den Reichtum der Erde für sich allein beanspruchen und der Rest der Welt verarmt und verelendet, schließlich dass Treibhauseffekt und Ausbeutung der Rohstoffe unseren Globus an den Rand der Existenz bringen. Wir brauchen eine gerechte Welt in der alle gleichberechtigt sind im eben erörterten Sinne, sodass der Terroristen keinen Nährboden mehr findet. Wir dürfen die Führung der ärmsten Länder nicht Typen wie Osama bin Laden überlassen.
Dabei ist sehr wichtig: Es geht politisch darum, die Gerechtigkeitsperspektive institutionell abzusichern und voranzutreiben.
Es geht um Beteiligungs- und Verteilungsgerechtigkeit. Weltpolitik muss die massenhafte Armut bekämpfen und einen Prozess vorantreiben, durch den alle Menschen, wo immer sie leben, in den Genuss der grundlegenden Menschenrechte kommen. Wir können nicht stets auf Menschenrechte pochen und sie selbst täglich in gröbster Weise verletzen. Weltpolitik heißt auf Weltebene, alle politischen Aktivitäten in den Dienst einer menschenwürdigen Entwicklung für alle zu stellen.

Das hier Entwickelte ist nicht eine Vision des Schlaraffenlandes. Über nationale, europäische und amerikanische Interessen hinaus zu blicken ist unverzichtbar für eine wirklich realistische Politik, die ein menschliches Gesicht trägt. Wenn wir uns in diesem Sinne zur Diskurskooperation zur Lösung aller Probleme überall verpflichten, dann besteht für den Weltfrieden keine Gefahr.


Edmund Braun