|
Das Problem der "Erkenntnis"
Von der Antike bis zur Postmoderne dr-graefe@t-online.de Erkennen grenzt sich ab vom bloßen Glauben. Das ist die erste Erkenntnis, die wir über den Begriff der Erkenntnis gewinnen. Betrachten wir zunächst die Wortgruppe des Wortes "Erkennen" mit ihren Ableitungen: und Zusammensetzungen wie Erkennen, Erkenntnis, Bekennen, Bekenntnis, Bekanntheit. Die Vorsilber Er- bei Er-Kennen besagt etwas, daß wir genauer ergründen wollen. Schauen wir uns verwandte Worte mit der Vorsilbe "er-" an: Erfahren leitet sich ab aus fahren. Wer durch eine Landschaft fährt, erfährt sie nicht automatisch,d.h. wer mit seinem Auto durch eine bestimmte Landschaft fährt, hat möglicherweise gar nichts von ihr mitbekommen. Die Vorsilbe "Er-" im Erfahren bedeutet also ein geistiges Eindringen in die Landschaft. Das gleiche gilt für die Vorsilbe "er-" in dem Wort er-leben. Ich lebe, Sie leben, wir alle leben vielleicht bloß vor uns hin, ohne wirkliche Erlebnisse zu haben. Ich kann leben ohne das Leben zu erleben. Krasses Beispiel: Wer sich im Koma befindet, lebt auch, aber er erlebt gar nichts. Die Vorsilbe "Er-" in Erleben bedeutet also, daß ich bewußt lebe und nicht nur vor mich hinvegetiere. Auch hier bezeichnet die Vorilbe "Er-" ein geistiges Eindringen in das Leben. So verhält es sich auch mit dem Kompositum "ErKennen". Sicherlich haben einige von Ihnen schon mal den einen oder anderen Vortrag von mir gehört. Und vielleicht wurden Sie von Freunden gefragt: "Kennen Sie den Herrn Graefe?" Und Sie haben geantwortet: "Ja, ich kenne ihn." Aber sicherlich werden Sie sich nicht anmaßen zu behaupten, daß sie den Herrn Graefe in seinem ganzen Sein erkannt hätten, ebensowenig wie ich mir anmaßen würde zu behaupten, daß ich Sie, Frau Lohmann, mehr als nur kennen würde. Nicht einmal von meinem besten Freund würde ich behaupten, daß ich ihn in seinem erkannt, d.h. durchschaut hätte. Das ErKennen bedeutet demnach nicht nur ein vertiefendes Kennen, sondern es beansprucht die vollständige Einsicht in den zu erkennenden Gegenstand. Ein Arzt kann die Symptome einer Krankheit erkennen, aber er wird niemals behaupten, das ganze Wesen seines Patienten erkannt zu haben. Nicht einmal ein Psychiater darf soweit gehen. Auch er erkennt bestenfalls eine spezifische traumatische Konstellation. Diese Erkenntnis schöpft allerdings niemals den Patienten als Gesamtpersönlichkeit aus. Es gab einige Psychiater, die mit ihren vermeintlichen Erkenntnissen Mißbrauch getrieben haben. Karl Jaspers hat darum gefordert, nur von einem einfühlsamen Verstehen des Patienten zu sprechen, nicht aber von seiner völligen Erkennbarkeit. Wer letzteres behauptet, propagiert den gläsernen Menschen, was gegen das Gebot der Menschenwürde verstößt. Das Wort "kennen" kommt aus dem Althochdeutschen "Chennan" und führt uns zunächst nicht weiter. Nehmen wir daher ein verwandtes Wort, das die Voraussetzung von jeder Erkenntnis bildet, das "Wissen". Ohne Wissen keine Kenntnisse. Also erlauben Sie mir die Freiheit "Wissen" und "Kennen" hier einmal als quasi Synomyme zu nehmen. Das Wort "wissen" leitet sich ab aus der indogermanischen Wurzel >vid<. Das bedeutet sehen = sehen (lat. videre, gnech. Idea, skrt. Vid) abgeleitet, mit seinen Zusammensetzungen wie etwa "Einsicht" (lat. E-videnz). Diese Ableitung belehrt uns darüber das jedes Wissen und jede Erkenntnis etwas mit dem Sehen zu tun hat, also eine visuelle Erfahrung voraussetzt. Weitere verwandte Begriffe stammen aus der Handwerkssphäre wie zum Beispiel "Erfassen", "Begreifen" (vgl. lat. con-cipere) oder Verstehen (Ver-stand), Deuten usw. Diese Worte bezeichnen Momente des Erkenntnisfeldes bzw. -phänomens, das in der Erkennmistheorie philosophisch erforscht wird. Jede Erkenntnis formuliert über den Erkenntnisgegenstand bestimmte BEGRIFFE. Um zu erkennen, muß ich zunächst einen Sachverhalt be-Greifen. Hier hat wieder Jaspers zur Klärung dieses Wortes beigetragen, indem er vom Begreifbaren das Umgreifende unterschied. Jeder Begriff setzt voraus, daß ich ihn im übertragenen Sinne mit meinen geistigen Augen abgetastet habe. Indem ich einen Gegenstand begreife, umschließe ich ihn in seiner Ganzheit. Wenn ich beanspruche, ihn begriffen zu haben, behaupte ich damit, daß kein Rest von Unklarheit mehr übrig bleibt. Das pythagoräische Lehrsatz ist das klassische Beispiel für die Kennzeichnung eines Begriffs. Dieser Lehrsatz beansprucht, das Dreieck erschöpfend erkannt zu haben. Und tatsächlich kann jeder, der den pythagoräischen Lehrsatz anwendet, ein Dreieck zeichnen. Nun ist ein Dreieck ein nicht besonders komplexer Begriff. Anders verhält es sich bei sehr viel komplizierteren Strukturen: Bis auf einige Genforscher oder Behaviouristen würde niemand behaupten, das Wesen eines Menschen hinlänglich erfassen zu können. Allein die Herkunft des menschlichen Bewußtseins ist bis heute in der Naturwissenschaft umstritten. Es gibt darüber Theorien, aber keine absolut sicheren Erkenntnisse. Eben darum unterschied Karl Jaspers von der Sphäre des Begreifbaren das Umgreifende, das wir niemals erkennen können, sondern bestenfalls nur erahnen. Zu diesem Bereich gehören alle laut Jaspers alle metaphysischen Begriffe, letztlich auch Gott und die Wahrheit. Es gibt zwar auch für Jaspers "richtige Erkenntnisse" wie z.B. den pythagoräischen Lehrsatz, der intersubjektiv verifiziert werden kann, aber über die Wahrheit gibt es nur verschiedene sich widersprechende Theorien, wie verschiedene Glaubensvorstellungen über das Göttliche existieren. Jaspers spricht daher nur von Chiffren, von Zeichen, die wir von dem transzendenten Bereich erfahren können, ohne behaupten zu dürfen, damit schon die metaphysische ganzheit der Wahrheit erfaßt zu haben. Das Göttliche umgreift uns, wie uns auch die transzendente Wahrheit umgreift. Wir sind da hineingestellt, können nicht ausbrechen und dürfen niemals behaupten, sie in unserem an die fünf Sinne gekettetes und an bestimmte Denkkategorien gebundenes Denken jemals be-greifen zu können. Die Wortanalyse des Begriffs "Erkennen" unter Einbezug der verwandten Wortfelder hat also ergeben, daß das Erkennen ein umfassendes totales Wissen von seinem Objekt beansprucht. Die Übertragung dieses Anspruchs auf Gott führt zum Fundamentalismus, den Jaspers als Gehäuseverfestigung charakterisiert hat. Ich schließe mich mit meinem angeblichen absoluten Heilswissen in eine Art metaphysischen Panzer ein, und verunglimpfe alle anderen als Ketzer, die meine vermeintlichen Erkenntnisse nicht nachvollziehen können oder wollen. Die heute übliche Bezeichnung "Erkenntnistheorie" entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in weiteren Kreisen wird sie erst durch Zeller (1862) bekannt. Daneben finden sich andere Bezeichnungen, wie materiale Logik (im Gegensatz zur formalen Logik), Kritik (auch lat. critica), Noetik(gr. Nous erkennender Geist), Gnoseologie (gr. gnosis Erkennen, ital. gnoseologia), Epistemologie Cgr. episteme Wissen, Wissenschaft), der leitende Begriff im französischen und englischen Sprachbereich~ (epistemologie bzw. epistemology). Zuweilen spricht man auch von der "Metaphysik der Erkenntnis" wie z.B. Nicolai Hartmann 1923, der aber mit diesem Begriff in einem dogmatischen Fundamentalismus sehr nahe kommt, denn er beansprucht nichts weniger als absolute metaphysische Erkenntnisse, die wir mit Jaspers - in der Nachfolge Kants - problematisiert hatten. Auf Kant gehen wir später noch genauer ein. Wie wir schon bei der Analyse des Wortfeldes gesehen haben, gibt es in der Philosophiegeschichte sehr unterschiedliche Haltungen zum Erkenntnisproblem. Sie reicht von der absoluten Skepsis, dem Agnostizismus bsi zur metaphysischen Dogmatik. Der Begriff Agnostizismus stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet die "Lehre vom Nichtwissen". Einer der ersten Agnostiker war der Sokrates, wie ihn Platon in seinen frühen Schriften beschrieben hat, wohl gemerkt nur in den frühen Schriften. Hier tritt Sokrates als ein Skeptiker in Erscheinung, der seine Kontrahenten, die Sophisten, gnadenlos entlarvt. Die Sophisten - so sagt schon der Name - sind "Wisser". Sie behaupten die Wahrheit erkennen zu können. Laches behauptet z.B. zu wissen, was "Tapferkeit" sei, der Priester Euthyphron gibt sich als ein Eyperte der "Frömmigkeit" aus und Lysis behauptet, das Wesen der "Liebe" erkannt zu haben. Nach gezielter und eingehender Befragung durch Sokrates verheddern sie sich alle ausnahmslos in Widersprüche. Und schließlich bleibt ihnen nur noch die Flucht, um den unbequemen Fragen auszuweichen. Hätten sie wirkliche Erkenntnisse gehabt, dann hätten sie alle Fragen widerspruchsfrei beantworten müssen. Das Gesetz des zu vermeidenden Widerspruch wird später Aristoteles formulieren, Sokrates setzt es bereits voraus. Später wird sich die Logik der Erkenntnis differenzieren, gibt es doch auch dialektische Wahrheiten, die nicht eindeutig bestimmbar sind, besonders im Bereich der Sinnlichkeit. "Wasser" kann z.B. "warm" oder "kalt" sein, es kann in flüssigem, festem oder Gaszustand auftreten, ist also formallogisch nicht eindeutig zu bestimmen. An diesem Beispiel zeigt sich, wie schwer es ist, die Logik, die jeder Erkenntnis zugrundeliegt, eindeutig zu bestimmen. Wenn wir behaupten, ein Sachverhalt soll widerspruchsfrei sein, dürfte "Wasser" nicht zugleich kalt oder warm sein. Und trotzdem ist es dasselbe H2O, daß nur in verschiedene Zustände gerät, dabei aber sich selbst gleich bleibt. Ein Agnostiker wie Sokrates hat es noch einfach. Er beschränkt sich auf die Geste des Entlarvers. Es ist einfacher, die Theorien anderer zu kritisieren, als selber eine Theorie aufzustellen. Sokrates wurde allerdings vom Orakel zu Delphi als der weiseste Mensch seiner Zeit bezeichnet, weil er wußte, daß er im Grunde nichts wußte. Diese Bescheidenheit im Denken erschien den Priestern von Delphi viel wertvoller und ehrlicher als das zwielichtige Treiben der Sophisten, die vermeintliches Wissen als absolute Erkenntnisse verkauften. Ein beträchtlicher Teil unseres allgemein verfügbaren Wissens besitzt für diejenigen, die über es verfügen, lediglich den Status wahrer Meinung. Wodurch unterscheidet sich Wissen = Erkenntnis von wahrer Meinung? Eine wahre Meinung ist jedes vermeintliche Wissen, daß wir aus Büchern gewinnen. Z.B. mathematische Lehrsätze, physikalische Gesetze usw. Diese Meinung ist wahr, weil sie von anderen als wahr bewiesen wurde. Sie wird aber erst dann zur Erkenntnis zum echten Wissen, wenn wir selber den mathematischen beweis oder das naturwissenschaftliche Experiment nachvollziehen. Daß Eisen bei höherer Temperatur schmilzt als Kupfer, ist eine wahre Meinung, die ich mir anhand der Lehrbücher der Chemie gebildet habe. Sollte ich an dieser Wahrheit zweifeln, müßte ich mir durch ein selbst vollzogenes Experiment die Anschauungsgewißheit verschaffen, daß es sich tatsächlich so verhält. Erst aufgrund dieser Gewißheit kann ich sagen: ich habe erkannt, daß ;ich weiß, daß ... - wohingegen mein vorheriges vermeintliches Wissen zuvor nur auf dem guten Glauben an die Aurorität der Lehrbücher beruhte. An die Stelle des guten Glaubens sind nun gute Gründe getreten, die die wahre Meinung stützen. Erst durch Bestätigung (Begründung) erhalten wahre Meinungen den Status von Erkenntnissen. Gegenstand der Erkenntnis Was sich mir zeigt, was mir erscheint, ist der Inhalt der Erkenntnis, und ist immer meine Erfahrung. Da ich selbstverständlich nur seelisch erleben kann, könnte angenommen werden, daß ich das Erlebte selbst erzeuge und so letztlich nur mir selbst erscheine, ja daß es so gesehen gar nichts anderes gibt als mein erlebendes Bewußtsein. Die Außenwelt wäre dann bloßer Schein. Dies ist der subjektiv-idealistische Standpunkt, bei welchem darauf hingewiesen wird, daß wir z. B. im direkten Erleben des Traumes ebenso fest davon überzeugt sind, daß es sich um Wirklichkeit handelt, wie im Wacherleben. Ist vielleicht das Wacherleben (auch) nur Schein? Descartes stellte diese Frage in seinen "Meditationen". Seine berühmte Antwort war, daß wir uns nur auf das Denken verlassen könnten, wohingegen Gefühle und Stimmungen auch bloße Suggestionen sein könnten: "Ich denke, also bin ich". Diese Formel bot für Descartes den Beweis der eigenen Existenz. Darauf kommen wir später noch zurück. Den gegenteiligen Standpunkt nimmt der Materialismus ein, der das Bewußtsein auf einen Spiegel, auf ein Abbilden der angeblich allein wirklichen Materie zuruckzuführen versucht. Da diese Anschauung das Objektive (Gegenständliche) in der Materie als das einzig Reale (Wirkliche) sieht, nennt sie sich "Objektiver Realismus". Allerdings wissen wir seit der Quanten- und Relativitätstheorie, daß auch die "Materie" nur ein Wort ist, ein Mythos, der sich in pure Energie auflöst, je tiefer wir die Materie sondieren. Auch kann der Materialismus nicht erklären, wie denn Bewußtsein und Geist entstanden sein sollen. Gemäß der materialistischen Lehre müßte das Atom irgendwann anfangen, über sich selbst nachzudenken. Eine absurde Vorstellung! DEMOKRIT war der erste Materialist. Für ihn gab nur Atome und den leeren Raum. Der Geist erschien ihm als ein rätselhaftes, unklärbares Phantom. Trotzdem denken wir und versuchen die Welt zu erkennen, auch wenn die Materialisten dafür keine überzeugende Erklärung finden. Gibt es also doch einen unabhängig von der Materie wirkenden Geist? Im Gegensatz zum Materialismus stehen der Spiritualismus und der Idealismus. Während der Spiritualismus der Naturvölker die gesamte Natur, aber auch die Psyche des Menschen von geistigen Wesen beseelt glauben, während für ihn die ganze Welt von Geistern und Dämonen erfüllt ist, abstrahieren die Idealisten das Geistige als eine für sich seiende Wirklichkeit, in die der Mensch hineingestellt ist. Lassen wir mal die Spiritualisten außen vor, denn - abgesehen von modernen neospiritualistischen Strömungen wie den Theosophen oder Anthroposophen - berufen sie sich weniger auf Erkenntnis, als vielmehr auf den Glauben und auf von den Vätern ererbte Tradition. Der Idealismus beruft sich dagegen auf Erkenntnis. Er hegt den Anspruch objektiver Erkenntnis des Geistigen. Der Begründer der idealistischen Haltung war Platon. Bei ihm finden wir die erste zusammenhängende Lehre der Erkenntnis ausgebildet. Im "Menon" demonstriert Sokrates z.B., daß alle Erkenntnis ein Wiedererinnern sei - Anemnesis. Am Beispiel eines Sklaven dokumentiert Sokrates, daß der Sklave durch gezieltes Fragen selbstständig die geometrischen Gesetze des Vierecks erkennt, obwohl er sich in seinem ganzen Leben noch nie mit Geometrie befaßt hat. Man könnte gegen diese Erkenntnismethode einwenden, daß Sokrates durch seine Fragen, die richtigen Antworten rhetorisch geschickt suggeriert. Von diesem Einwand einmal abgesehen will Platon zwei Thesen beweisen: 1. Der Mensch lebt nicht nur einmal, sondern er wird häufiger wiedergeboren. Seine Erkenntnisse sind geprägt durch die vorhergehenden Leben. 2. Alles Irdische ist nur ein Gleichnis. Hinter den sinnlichen und vergänglichen Erscheinungen stehen die immer sich selbst gleichbleibenden Ideen. Sie sind das einzig Wahre, wohingegen alle sinnlichen Erscheinungen schon wegen ihrer Vergänglichkeit kein eigentlich beständiges Sein besitzen, also auch keine Grundlage bieten für verläßliche Erkenntnis. - Mit seinem Geist hat der Mensch einen direkten Zugang zu den Ideen, die er in einem unmittelbaren geistigen Akt erfassen kann, sofern er sich nur bemüht. Und da jeder Mensch innerlich an die Ideenwelt angebunden ist, kann auch ein unwissender Sklave aus sich heraus die Wahrheit finden, wenn er nur in sich hineinhorcht. Das ist die Meinung von Platon. Dem platonischen Idealismus widersprach bereits Aristoteles, der nicht so recht an die Ideenwelt glauben wollte. "Nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensu." "Nichts ist im Geist, was nicht zuvor in den Sinnen war." Diese klassisch gewordene Aussage von Aristoteles markierte den Wendepunkt vom Idealismus zum Positivismus. Während Platon unterstellt, daß für sich seiende Ideen existieren müssen, kritisiert Aristoteles diese Haltung als dogmatisch. Der Mensch soll sich laut Aristoteles nur an das halten, was seinen Sinnen zugänglich sei. Aristoteles ist der erste Subjektivist, der unmittelbar von der menschlichen Situation ausgeht. Indem ich erkennen will, bin ich von den Werkzeugen abhängig, die mir mitgegeben woorden sind, so einerseits die Sinnesdaten und zweitens die Denkkategorien meines Geistes. Der Geist habe nur eine dienende Funktion in der Auswertung der Sinnesdaten. In dieser dienenden Funktion seien ihm bestimmte Kategorien angeboren, durch deren Prisma hindurch er die Objekte erkennt. Aristoteles unterscheidet u.a. folgende Kategorien: 1. Substanz. Alles, was wir erkennen, muß ein Wesen in sich selbst haben, sonst könnten wir ihm gar kein eigenständiges Sein zuschreiben. Sub-Stanz bedeutet übersetzt: "Unter-lage" oder "Grundlage". Die Substanz ist der abstrahierte Ausdruck der platonischen Idee. 2. Quantität. Alles, was wir erkennen, erscheint in einer bestimmten Menge und Anzahl. 3. Qualität. Um ein Ding zu erkennen, müssen wir seine Eigenschaften untersuchten, die Art und Weise, wie es beschaffen ist und sich von anderen Dingen unterscheidet. 4. Relation. Die Beziehung des Dinges zu anderen Dingen gibt ihm erst seinen charakteristischen Stellenwert, seine Position im Kanon oder in der Hierarchie der Dingwelt. 5. Raum und Ort. Um ein Ding zu bestimmen, müssen wir seine unmittelbare und mittelbare Umgebung beschreiben, seinen Ort bestimmen. 6. Zeit. Jedes Ding existiert in einer bestimmten Zeit und wird von der Zeit, von seiner Vergänglichkeit oder Unvergänglichkeit, bestimmt 7. Der Sitz, die Lage... Diese Kategorie ist kaum von der Kategorie des Ortes zu unterscheiden. Ich würde sie daher auslassen. 8. Der Habitus, das Verhalten. Nachdem wir die Position des Untersuchungsgegenstandes in seiner Umwelt erforscht haben, sollen nun - wie bei einem chemischen Experiment - seine Reaktionen auf bestimmte manipulatorische Eingriffe getestet werden. 9. Actio. Sein Tun. Diese Kategorie geht über eine bloße Dingbestimmung hinaus. Denn Actio bedeutet, aus sich heraus agieren, handeln, ohne durch äußere Anstösse dazu gezwungen worden zu sein. Ebenso unbestimmbar bleibt die zehnte Kategorie, die Passio, oder die Art und Weise, wie der Untersuchungsgegenstand die Welt erleidet. Aristoteles war der erste Erkenntnistheoretiker. Er hat Art und Weise der Erkenntnis genau untersucht und ist dabei auf seine zehn Kategorien gekommen. Auch wenn später die eine andere Kategorie in ihrer Gültigkeit bestritten wurde, oder andere hinzukamen, so hatte Aristoteles doch bereits erkannt, daß nicht nur die fünf Sinne, sondern auch der menschliche Geist eine Art Filter darstellt, durch den die Erkenntnisse in einer spezifischen Weise geformt werden. Das Universalienproblem Vom Denken und der Sprache her gesehen ist es eine besondere Frage, ob den Allgemeinbegriffen (lateinisch: universalia) etwas Wirkliches entspricht, oder anders ausgedrückt, ob Gattungen und Arten nur "Worte", oder reale (wirkliche) "Wesenheiten" sind. Diese Frage ist das Thema des Universalienstreites im Mittelalter, des Kampfes um die Allgemeinbegriffe, d. h. darum, daß ihnen tatsächlich etwas Wirkliches entspricht. Das Problem ist stets aqktuell, denn die Konsequenzen aus seinen Lösungen gehen weit. Im folgenden wird nur je ein Vertreter zu den verschiedenen Richtungen genannt. Der "Begriffsrealismus" nimmt wie PLATO an, daß die Allgemeinbegriffe, z. B. "der Mensch", "das Schöne", das "Gute" etwas Reales bezeichnen, das Wesen von etwas, die Idee oder sein Urbild. Der Begriffsrealismus geht von eigenständig - unabhängig vom menschlichen Bewußtsein bestehenden Ideen aus. "Begriffsrealismus" ist demnach nur eine andere Bezeichnung für "Idealismus". Die Gegenrichtung hält Allgemeinbegriffe nur für bloße Laute (flatus vocis), so zuerst von ROSCELIN formuliert (Vokalismus). Seit Wilhelm von Ockham wird für diese den Idealismus kritisierende Richtung der Name "Nominalismus" gebraucht: Allgemeinbegriffe existieren danach nur im menschlichen Bewußtsein, ansonsten sind sie nur Wörter (nomina); sie haben also nur eine psychische, subjektive Realität im menschlichen Bewußtsein. Sie beruhen auf einer sozialen Ubereinkunft, verschiedene Dinge auf die gleiche Weise zu benennen. Der Nominalismus Iäßt keine Begriffe für das Wesen von etwas gelten, faßt metaphysische Wahrheiten als bloße Glaubenswahrheiten auf und sieht überhaupt Metaphysik nicht als Wissenschaft an; er ist dadurch ein Vorläufer des Empirismus und des von Kant erfundenen kritischen Idealismus. Für den Nominalisten sind Begriffe wie "das Schöne", "das Gute", "die Wahrheit", "die Tugend" oder "Gerechtigkeit" nur subjektive Phantome, die im sozialen Dialog mit einem immer wechselnden Sinn erfüllt werden können. Der Nominalist ist zugleich ein Relativist, er relativiert alles Übersinnliche als bloßen Schein, von dem keine objektive Erkenntnis möglich sei. Der Nominalist ist demnach der Vorläufer des Positivisten, für den ebenfalls nur Sinnesdaten eine jeweils neu zu interpretierende Gültigkeit haben. Eine die Menschen sowohl umgreifende, wie verpflichtende Wahrheit an sich existiert weder im nominalistischen, als auch im positivistischen Weltbild, demnach sind auch Ethik und Moral mit wechselnden Vorstellungen verbunden. Feststehende Werte existieren nicht. Ja, man könnte sogar soweit gehen, daß für den Nominalisten sogar der Mord erlaubt ist, wenn nur eine Mehrheit der Bevölkerung sich dafür entscheidet. Dementsprechend kann der Nominalist auch keine für sich bestehenden Menschenrechte verteidigen, wenn sich die Mehrheit dagegen aussprechen würde, z.B. im Alten Rom war die Mehrheit gegen die Menschenrechte der Sklaven. Während der Hitlerzeit galten Juden als vogelfrei. Ein Nominalist oder Positivist hätte das Recht der Juden auf ihr Menschnrecht nicht verteidigen können, weil es für den Nominalisten kein menschliches Recht an sich gibt. Wie funktioniert nun das Erkennen? Zwischen Erkennen und Erkenntnis, Wahrheitsfindung und gefundener Wahrheit besteht ein spezifisches Spannungsverhältnis, das dem Piatonischen Dualismus von Einheit und Vielheit nicht unähnlich ist. Das Experiment, vermittels dessen ich die Bestätigung dafür zu gewinnen suche, daß Eisen bei höherer Temperatur schmilzt als Kupfer, ist ein eindeutig lokalisierbarer und datierbarer Vorgang von begrenzter Dauer. Er ist den aristotelischen Kategorien der Zeit und des Ortes unterstellt. Außerdem muß er dem Kriterium der Quantität genügen, indem er sich aus einer Vielzahl von Teilvorgängen zusammensetzt: meinen Wahrnehmungen und Beobachtungen, genauer: den Reihen von Sinnesempfindungen, die ich beim Temperaturablesen habe. Schließlich wird die Kategorie der Qualität zu beachten sein, da sich die Aggregatszustände der Substanzen Eisen und Kupfer ständig verändern. Das Kriterium der Relation wird angewendet, wenn ich überprüfe, wie sich Esen und Kupfer zueinander verhalten, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Für die Gültigkeitsbegründung von theoretischen Sätzen - und dazu zählt: nach Popper bereits ein Satz wie "Hier steht ein Glas Wasser" ist die sinnliche Wahrnehmung unentbehrlich. Denn "die Anzeige eines Meßapparates muß abgelesen werden. Nehmen wir einmal an, ich erwache aus einem Koma oder einer Narkose. Ich öffne die Augen: Vor meinem Augen erscheinen zunächst undifferenzierbare Farbklekse. Die sinnliche Wahrnehmung hat sich bereits eingestellt, trotzdem fehlt noch die Orientierung, die sich erst dann einstellt, wenn ich meinem Gehirn Zeit gebe, die sinnlichen Daten zu ordnen. Dieses Beispiel zeigt, daß bei jeder Wahrnehmung im normalen Tagesbewußtsein bereits rationale Ordnungsprozesse spontan beteiligt sind. Ich gehe über eine Straße und erkenne sofort, daß ich stehenbleiben soll, weil das rote Licht mich dazu auffordert. Schon allein bei dieser spontan vollzogenen Wahrnehmung laufen eine Fülle unbemerkter geistiger Prozesse ab, die meist auf vergangene Erafhrungen bzw Erinnerungen beruhen. Irgendwann einmal habe ich gelernt, das rote Licht als ein Symbol zu interpretieren mit dem Inhalt "Bleib stehen!" Das Gelernte wird zum automatischen Vollzug meiner Wahrnehmung. Der Bewohner eines anderen Planetensystems wird mit der gleichen Wahrnehmung ganz andere Interpretationen verbinden. Womöglich hält er die Ampel für ein Kunstwerk oder ein Schmuckstück, das nur zur Zierde dasteht. Ein anderes Beispiel aus Robinson Crusoe illustriert denselben Sachverhalt: Eines Morgens bei Tagesanbruch taucht unverehens vor Robinson und seinem Diener Freitag ein Schiff auf. Für Robinson war auf den ersten Blick klar, was er vor sich hatte... Wie aber verhielt es sich mit Freitag? Da er jünger und ein Wilder war, hatte er vermutlich bessere Augen als sein Herr. Das will sagen: Freitag sah das Schiff tatsächlich am besten von ihnen beiden; und doch fällt es schwer zu behaupten, daß er es als Schiff erkannte, denn er hatte ja niemals vorher in seinem Leben ein Schiff gesehen. Für ihn ist das Schiff womöglich ein Ungeheuer oder ein Dämon. Während Robinson aufgrund seiner Erinnerungen das Schiff sofort als Schiff erkennt. Hieran wird noch einmal deutlich, daß jede Wahrnehmung mit einer Fülle von Denkvorgängen verbunden ist, die wir normalerweise als solche gar nicht mehr wahrnehmen, so daß wir uns künstliche Situationen, wie z.B,. die Narkose, vorstellen müssen, um ihrer bewußt zu werden. Zum Schluß meiner heutigen Ausführungen möchte ich mich Immanuel Kant zuwenden, der bis hin zum kritischen Rationalismus Poppers auch das heutige Denken noch maßgeblich bestimmt. Kant hatte in seiner bahnbrechenden "Kritik der reinen Vernunft" die apodiktischen oder dogmatischen Vernunftgewissheiten seiner Vorgänger einer kritischen Analyse unterzogen. Seit Kant ist eine naive Konstruktion angeblicher metaphysischer Wahrheiten aus der reinen Vernunft heraus nicht mehr möglich. Die Aufklärung hatte noch geglaubt mit Hilfe des Lichtes des Vernunft auch göttliche Wahrheiten erkennen zu können. Kant jedoch zeigt, daß alle vermeintlichen Gottesbeweise in die Irre gehen. Was bedeutet Erkenntnis für Kant? Erkenntnis ist - gemäß dem kritischen Idealismus des Königsberger Philosophen - die bestimmte Beziehung von Vorstellungsdaten auf Objekte, die Herstellung einheitlicher Zusammenhänge solcher Daten und die nicht passive Abspiegelung von fertig gegebenen Realitäten, Die E. ist denkende Verarbeitung des Anschauungsmaterials nach apriorischen Prinzipien und die Anwendung dieser Prinzipien auf das sinnlich Gegebene. Die E. ist ein Werk des Intellekts, bleibt aber immer auf mögliche sinnliche Erfahrung bezogen, vollzieht sich nur - soweit sie nicht rein formal ist - im Prozeß der Erzeugung der Erfahrung und des Fortschritts immer neuer Erfahrungen. "A priori" bedeutet "von vornherein" gegebene Voraussetzungen des Erkenntnisvollzuges. Zu den Voraussetzungen einer jeden Erkenntnis gehören z.B. die Kategorien des Verstands, unseres Denkens, die wir schon bei Aristoteles kennengelernt hatten, und die von Kant nur variiert werden. Zu den Voraussetzungen gehören aber auch Zeit und Raum, innerhalb derer sich jede Erkenntnis vollziehen muß. Außerräumliche bzw. außerzeitliche Erkenntnisse sind für Kant nicht möglich. Damit ist auch schon gesagt, daß eine Erkenntnis des "Ding an sichs" - wie Kant die Welt der übersinnlichen Ideen bezeichnet - wie Gott, Wahrheit usw. - nicht möglich ist. Der Mensch ist abhängig von den ihm mitgegebenen Formen der Anschauung. Diese sowie die Gesetze seines Verstandes kann er nicht überschreiten. Die Kritik der reinen Vernunft wurde für die Zeitgenossen zu einer großen Ernüchterung. Die Vernunft sollte sich künftig darauf beschränken, das empirische Material sinnlicher Erfahrungen auszuwerten. Sie durfte keine metaphysischen Erkenntnisse mehr beanspruchen. Damit hat Kant wesentlich die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft und die mit ihr verbundene Wissenschaftstheorie beeinflußt Vom modernen Positivismus werden allerdings die Folgen dieser Erkenntniskritik auf die praktische Vernunft der Wertbestimmung und Moral meist ausgeklammert. Kant war sich der Gefahr bewußt, daß seine Kritik der reinen Vernunft zu einer totalen Wertebeliebigkeit führen könnte. Er postulierte darum eine praktische Vernunft, die im Unterschied zur theoretischen Vernunft Gott als Vernunftwahrheit wieder einführte. Ohne Gott hätte der Mensch keine Werte mehr, an denen er sich orientieren könnte. Allerdings korrigierte Kant den theologischen Dogmatismus, indem er die zu befolgenden Werte nicht einfach totalitär als zehn oder mehr Gebote verordnete, sondern seinen kategorischen Imperativ einführte, demgemäß jeder vernünftig selbst entscheiden könne, was für die Allgemeinheit das Beste sei. Die praktische Vernunft von Kant geht davon aus, daß jeder Mensch potentiell vernünftig sei, d.h. jeder Mensch hätte einen inneren Zugang zu demselben Intelligiblen, zu einer Vernunft, die bei allen Menschen gleich sei. In diesem Glauben an die Identität der Vernunft in allen Menschen gibt sich Kant als ein Idealist zu erkennen. Um ein moralisches Chaos zu vermeiden, muß er auf der praktischen Ebene der Lebenswirklichkeit seine "Kritik an der reinen Vernunft" teilweise wieder aufheben und das Dogma der sich selbst in allen Wesen gleichen Vernünftigkeit einführen. Damit haben wir den schwachen Punkt der kantischen Philosophie aufgezeigt, ein Punkt den heute die sogenannten Neostrukturalisten gnadenlos aufgerollt haben. Für sie existiert keine bei allen Menschen identische Vernunft. Für sie ist sogar noch die Identität des Subjekts mit sich selbst nichts weiter als eine bloße Chimäre. Übrig bleiben vom Menschen ein Bündel von unterschiedlichen Reflexen oder Bewußtseinsfaktoren, die sich beliebige rationale oder irrationale Zusammenhänge entwerfen. Nach Baudrillard ist alles möglich. Der Mensch habe die Souveränität über die von ihm erschaffenen Errungenschaften längst verloren. Sicherlich: Die Erkenntnisprozesse der Naturwissenschftaen scheinen unendlich. Andererseits wirken die Möglichkeiten der modernen Technik unheimlich. Unser Erkennen geht heute soweit, daß wir Lebensmittel genetisch verändern können, daß wir Menschen beliebig zu klonen vermögen, daß wir uns schließlich unsere Erde tausende Male in die Luft sprengen können und das ökologische Gleichgewicht aufgrund einer Inflation nicht mehr kontrollierbarer Erkenntnis aus dem Gleichgewicht zu geraten scheint. Damit stellt sich zum Schluß die Frage: Wozu überhaupt Erkenntnisse? Wem oder was soll die Gewinnung von Erkenntnissen dienen? Und ist ein Erkenntnisfortschritt um jeden Preis überhaupt wünschenswert? Wer schließlich soll für die Folgen der Erkenntnisse geradestehen? Wer soll sie verantworten? Diese Fragen bleiben nach wie vor unbeantwortet. |