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Die erträgliche Leichtigkeit des Denkens dr-graefe@t-online.de Obwohl für Baudrillard unsere Welt von "Simulationen" und "Simulacren" verseucht sei, ist er selbst keine Simulation. Indem mir der Denker die Geschichte seines Lebens erzählt, präsentiert er sich als ein selbstständig denkendes Subjekt. Ob nun als Soziologe, Philosoph oder als ein frei vagabundierender Geist, die Person Jean Baudrillard richtet das Wort an mich. Das Subjekt Baudrillard appelliert an meine Bereitschaft zu verstehen. Andererseits behauptet er, daß Subjekte gar nicht existieren, also auch nicht die Person Jean Baudrillard? "Es gibt kein Subjekt mehr, das sich teilen könnte, das noch mit einem anderen wirklich zu tun hätte - mit einem Gegenüber nämlich, das sich entäußern würde, und das noch mit seiner Freiheit ringen würde. Eine Andersheit existiert nicht mehr. Und was ist ein Individuum schon ohne ein Gegenüber?" Diese Worte widersprechen meiner sinnlichen Wahrnehmung, denn ich sehe doch Monsieur Baudrillard leibhaftig vor meinen Augen. Trotzdem will mir der Professor aus Paris weismachen, daß Subjekte nicht existieren. Damit knüpft der Meister an eine französische Denkmode an: Während René Descartes vor 400 Jahren der Aufklärung ihr berühmtes Motto gab ("Ich denke, also bin ich!"), und diese Huldigung des denkenden Subjekts von Sartre noch einmal ins Existentialistische vertieft wurde ("Ich existiere, also..."), befindet sich die heutige französische Philosophie in einer Art Trotzphase gegenüber ihrer eigenen Tradition. Wie sich Vierjährige die Augen zuhalten, um sich von ihren Mamas suchen zu lassen, so behaupten auch moderne "poststrukturelle" französische Philosophen wie Derrida, Lyotard und Baudrillard, daß sie zumindest der Theorie nach eigentlich gar nicht existieren würden, um sich dann nichtsdestoweniger vom Publikum als Urheber solcher außerordentlich geistreicher Statements beklatschen zu lassen. Und simsalabim schlüpft Baudrilaard plötzlich in die Rolle eines Fakirs: Die von ihm beschworene Schlange entpuppt sich als ein anonymer Code, der über uns hängt - wie ein allmächtiges Fatum: "Der Code ist nicht der Große Andere...", flüstert der Professor, sich an seiner Pfeife festhaltend. "Er ist ein Komplott, ein Spiel, dessen Spielregeln wir nicht kennen. Trotzdem sind wir gezwungen, dieses Spiel zu spielen." Der beschwörende Blick des Meisters durchdringt mich bis in meinen nicht mehr vorhandenen Blinddarm hinein. Mir wird mulmig zumute. Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Aber der Magier beruhigt mich. Der Code habe ein "menschenfreundliches Wesen", denn er bediene sich der "Simulation", das heißt der Täuschung, um uns die "schreckliche Tatsache" vergessen zu machen, daß die Welt nur eine Illusion sei. Endlich begreife ich, warum bei sovielen Menschen von morgens bis abends der Fernseher läuft, und weshalb so viele Jugendliche wie Wahnsinnige auf den Flippergeräten herumhämmern oder mittels Cyber Space in virtuelle Welten abtauchen. Aber ist es nicht gefährlich, fremdbestimmte Menschen mit der Wahrheit zu konfrontieren? Wie reagiert die französische Öffentlichkeit auf die subversiven Schläge aus der Rue Sainte Beuve? Der Professor verzieht sein Gesicht: "Man behauptet ja immer, Frankreich sei im intellektuellen Sinne tolerant. Das ist nicht wahr. Frankreich ist nicht tolerant. Das herrschende Denken ist fundamentalistisch und sehr exklusivistisch. Man muß heute auf der politisch ´richtigen´ Seite stehen. Man muß sich einem aufgezwungenen Konsens fügen. Dagegen habe ich mit all den Dingen ein strategisches Spiel getrieben, was die Leute für das Schlimmste halten: Nach meinem Werk ´Der symbolische Tausch und der Tod´ provozierte ich mit ´Vergessen Sie Foucault!´ Nach meinem Buch über die ´Verführung´ habe ich ´Die göttliche Linke´ analysiert, ein Werk, das mich vom ganzen politischen Milieu entfremdet hat. Jedesmal habe ich mir dabei viele Menschen zu Feinden gemacht. Aber das sind die Spielregeln." Der Chefdenker aus Paris liebt das Spiel mit der Provokation. Den Untergang der Sowjetunion verkündete er bereits zu einem Zeitpunkt, als die "göttliche Linke" den Wahrsager deswegen noch als Hochverräter auf einem Scheiterhaufen unter dem Arc de Triomphe verbrennen wollte. Vielleicht ist die Sowjetunion aber auch nur deshalb zusammengebrochen, weil Monsieur Baudrillard die "göttliche Linke" verhöhnte? So wurde der arme Philosoph aus der Rue Sainte-Beuve nun selbst zum Opfer einer Diffamierungskampagne. Nur mit eisernstoischer Philosophie konnte er diese Kampagne überstehen: Seine unerschütterliche Seelenruhe hilft ihm heute auch über manche nassen Regentage hinweg. "Man sollte der Natur, die dem Menschen gegenüber gleichgültig sich verhält, mit einer noch größeren Gleichgültigkeit begegnen. Das ist die stoische Haltung." Der Meister aus Paris will uns damit folgendes sagen: "Liebe Leute, wenn´s draußen regnet, dann ärgert euch nicht, sondern reagiert mit Gleichgültigkeit. Und möget ihr gerade in Indien, Opfer eines Erdbeben werden, verliert niemals die Fassung! Macht es so, wie es uns die Führer der europäischen Gemeinschaft vormachen: Mit heroischer Seelenruhe lassen sie sich durch das Gemetzel in Bosnien nicht zu Tränen erweichen. Und wenn dadurch auch der ganze abendländische Humanismus zusammenbricht: Mit stoischer Ruhe und immer neuen rhetorischen Floskeln lassen sie sich durch die bosnischen Konzentrationslager in ihrer Geschäftigkeit nicht irritieren!" Das ist umgesetzte Philosophie à la Baudrillard! Ist es da ein Wunder, daß den Denker auch das politische Marionettentheater im Elysee zur Heiterkeit stimuliert? Den kurz vor seiner Entthronung stehenden Präsidenten Mitterand hatte er einmal als einen Transvestiten bezeichnet. Heute streitet er das ab: "Nun, man spricht von seiner politischen Willenskraft, von seiner geistigen Klarheit und seiner machiavellistsch anmutenden List. Zuviel der Ehre. Meiner Meinung nach besteht das hauptsächliche Problem gerade darin, daß die gesamte politische Klasse im Begriff ist zu verschwinden. Das heißt, daß die (agierenden) Individuen als solche nur eine Nebenerscheinung zu sein scheinen. Eben gerade hier will die Metapher ´Transvestitentum´ den Zustand einer Verwirrung bezeugen." Gemäß Baudrillard leben wir in der besten aller Welten. Alle Ideale, die die Menschheit jemals hatte, sind heute bereits realisiert. Arkadien, das einstige Traumland der Dichter, sei heute im Disneyland verwirklicht. Und Disneyland existiere nicht nur als Eurodisney. Das ganze reale Leben sei heute zu einem Disneyland transformiert. Diese Diagnose unserer Zeit leuchtet unmittelbar ein. Für den (Anti)Philosophen am Ende des 20. Jahrhunderts bleibt da nichts weiteres zu tun übrig, als sich in seinen Sessel zurückzulehnen, die Fernbedienung seines Breitbild-Fernsehers anzuwerfen und in der Betrachtung des äußeren Spektakels das Amüsement über die Dinge zu seinem Programm zu erklären. "Das Jahr 2000 findet nicht statt!" Die Endzeit ist unausweichlich. Laßt uns dabei unsere Fröhlichkeit bewahren und uns munter tanzend in den Abgrund stürzen. Solche Sprüche füllen Bände. Das Publikum ist begeistert und feiert Baudrillard als Heros der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. |