Bayerischer Rundfunk


Die missverstandene "platonische Liebe"
Antike Vorstellungen zu Freundschaft, Knabenliebe und Eros

von Steffen Graefe
dr-graefe@t-online.de


Zitator:
Platonische Liebe ist die sinnlich-sexuelle Aspekte ausklammernde zwischenmenschliche Beziehung, die allein auf geistig-seelischer Basis beruht.

Sprecher:
Diese repräsentative Definition aus Harenbergs Kompaktlexikon beschreibt genau, was in der Umgangssprache unter "platonischer Liebe" verstanden wird. Eine typische Situation: Fragt einer seinen Freund: "Na, wie war das denn gestern abend mit Monika?" Der Freund wehrt ab: "Da war gar nichts. Es ist ein rein platonisches Verhältnis." Damit will er sagen: Es handelt sich um eine freundschaftliche Beziehung ohne jeden erotischen Hintersinn.

Sprecherin:
Die Definition ist keineswegs so eindeutig, wie sie zunächst erscheinen mag. Wenn "platonische Liebe" eine jede zwischenmenschliche Beziehung sein soll, die "sinnlich-sexuelle Aspekte" ausklammert, wäre sie identisch mit "Freundschaft". Denn eine Freundschaft ist in der Regel frei von sexuell-sinnlichem Begehren. Und sie beruht auch auf einer "geistig-seelischen Basis". Ist also "platonische Liebe" nur eine andere Bezeichnung für "Freundschaft"?

Sprecher:
Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns ersteinmal fragen, was wir unter "Freundschaft" verstehen. Unsere eigene Definition müsste dann in einen Bezug gebracht werden zu Platons Begriff von "Freundschaft" und "Liebe". Erst dann könnten wir entscheiden, ob platonische Liebe tatsächlich dasselbe ist wie Freundschaft.

Sprecherin:
Leider hält das obengenannte Lexikon den Begriff "Freundschaft" für nicht weiter erklärungsbedürftig, vermutlich weil ohnehin jeder zu wissen glaubt, was darunter zu verstehen sei. Der russische Soziologe Igor S. Kon hielt es dagegen für notwendig, das Thema eingehend zu untersuchen: In seiner Sozial- und Geistesgeschichte der Freundschaft lesen wir die folgende vorläufige Definition.

Zitator:
Nach heutiger Auffassung ist Freundschaft ein Verhältnis zwischen Menschen auf der Basis gegenseitiger Verbundenheit, geistiger Verwandtschaft und Gemeinsamkeit der Interessen. Im Unterschied zu geschäftlichen Beziehungen, bei denen ein Mensch den anderen als Mittel benutzt, ist Freundschaft ein ganz und gar persönliches Verhältnis. Freunde helfen einander uneigennützig.

Sprecherin:
Wenn wir nun nach dem Harenberg-Lexikon "platonische Liebe" und "Freundschaft" für ein und dieselbe Sache halten (sollen), müsste der platonisch Liebende seinem Freund uneigennützig dienen und sich hauptsächlich durch gemeinsame Interessen und einer Art Seelenverwandtschaft zum Freund hingezogen fühlen. Es besteht allerdings die Frage, ob diese heutige umgangssprachliche Verwendung der Redewendung "platonische Liebe" von Platon selbst so gemeint war.

Sprecher:
Als Vorbilder echter Freundschaft galten in der Antike die Beziehungen von Kastor und Polydeukes und Orestes und Pylades. Kastor und Polydeukes waren - wie Homer erzählt - als Brüder auch verwandtschaftlich miteinander verbunden. Ihre Freundschaft bewiesen sie in dem tapferen Einstehen füreinander. Nachdem Kastor ermordet wurde, bezeugte sein Bruder ihm die freundschaftliche Verbundenheit, indem er diesen Mord rächte. Ähnlich verhält es sich mit dem Freundespaar Orestes und Pylades. Auch sie waren miteinander verwandt. Und auch sie beweisen ihre Freundschaft im Kampf gegen gemeinsame Feinde.

Sprecherin:
Kastor und Pollux sind durchaus Freunde im Sinne der eben genannten Definition des Soziologen Kon: Sie haben gemeinsame Interessen und stehen füreinander ein.

Sprecher:
In der antiken Vorstellung ist Freundschaft eng gekoppelt an einen militärischen Zweck. Nur im heroischen Einsatz für den anderen im Krieg beweist sich der Ethos der Freundschaft. Dementsprechend ist es logisch, dass die Griechen die "philia" - das ist das griechische Wort für "Freundschaft" - dem männlichen Geschlecht reservierten. Denn nur Männer treten als Krieger auf. Frauen - sagt Platon im "Timaios" - stünden einen Grad tiefer als Männer. Daher sei weder zwischen ihnen, noch mit ihnen Freundschaft möglich. Diese Degradierung der Frau hatte Platon allerdings nicht erfunden, sondern sie entsprach den patriarchalen Verhältnissen im alten Athen. Autoren wie Hesiod, Menander, Euripides und viele andere hatten immer wieder das weibliche Geschlecht als das Böse schlechthin verdammt.

Zitator:
Zeus hat die Weiber den Männern als Plage geschickt voll von bösen Plänen.

Sprecher:
...behauptete der antike Schriftsteller Hesiod. In diesem patriarchalen Geist ist auch Platon grossgeworden. Die Frau war für die Griechen in der Regel nur ein Instrument zur Fortsetzung der Gattung, sagt Ernest Bornemann in seiner umfassenden Studie über die Ursprünge des "Patriarchats", in der er (auch) das altgriechische Gesellschaftssystem sehr anschaulich beschreibt.

Zitator:
Es ist von etymologischem Interesse, dass das griechische Wort für Frau, gynč, eigentlich "die Gebärende" bedeutet. Denn der Grieche des patristischen Zeitalters sah in der Frau vor allem die Mutter seiner Söhne und schätzte sie nur insofern, als sie sein Geschlecht fortsetzte. Während des 5. Jahrhunderts v.u.Z. sah die Athenerin ihren Ehemann kaum jemals ausserhalb des Schlafzimmers. Nur bei Familienfesten ass die Frau mit ihm zusammen. Der Mann speiste meist unter Männern in einer Art Klub. Wenn er Freunde in sein Haus einlud, war die Frau nicht zugelassen, sondern blieb in den Frauengemächern. Da die griechische Frau gesetzlich nicht als dem Manne ebenbürtig anerkannt wurde, musste sie zeitlebens einen Vormund haben, einerlei wie alt und wie jung sie war.

Sprecherin:
Abgesehen von den Hetären, die im alten Griechenland eine besondere Rolle spielten, war die Frau für den Griechen ein minderwertiges Wesen. Da er sie nicht achten konnte, und sie für ihn in ihrem Sein kein Geheimnis darstellte, fühlte sich der Mann auch im erotischen Sinne schnell von ihr gelangweilt. Angesichts dieser Minderbewertung des weiblichen Wesens war es nur logisch, dass der griechische Mann seine libidinösen Regungen auf das eigene Geschlecht projizierte.

Sprecher:
Die Altphilologen und Verfechter eines humanistischen Erziehungsideals im "altsprachlichen Gymnasium" verschweigen gerne, dass das antike Gymnasium nach den heutigen Gesetzen als eine Institution zur Verführung Minderjähriger verboten werden würde. Ernest Bornemann.

Zitator:
Man vergesse nicht, das das griechische "gymnasion" eine Institution der Freikörperkultur war. "Gymnos" bedeutet "nackt". Und dass der sinnliche Reiz der nackten Knabenkörper ein bewusstes und kalkuliertes Element der griechischen Erziehung war: eben jener Kult, der den Knaben so eng an den Lehrer binden sollte, dass Erziehung eine libindinöse Aktivität für beide Beteiligten wurde. Schon im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung setzte es sich durch, dass es die Pflicht des Mannes sei, den Knaben durch "Liebe" zu erziehen. Bei den Dorern war es vom 6. bis 3. Jahrhundert Pflicht, dass jedes erwachsene männliche Mitglied sich eines von ihm auserwählten Knaben seiner Klasse annehme und diesen vom Ende der Pubertät bis zur Vollendung der Reife betreute. Platons Schüler und Nachfolger, Alexis und Dion, waren seine Geliebten.

Sprecher:
Päderastie und Homosexualität waren bei den Griechen keineswegs verboten, sondern wurden höher bewertet als die normale Heterosexualität. Das gesamte griechische Erziehungsideal war von homoerotischen Vorstellungen durchsetzt. Der griechische Dichter Straton gibt uns einen kleinen Einblick.

Zitator:
Gestern war ich zu Gast bei Demetrius. Sportlehrer ist er und der glücklichste Mann unter dem Menschengeschlecht. Ein Junge lag ihm im Schoss, ein anderer über der Schulter, einer brachte ihm Trank, ein anderer das Essen herbei. Wahrlich ein hübsches Quartet! Und ich neckte ihn scherzend und sagte: "Treibst du auch während der Nacht, Freund, mit den Jungen noch Sport?"

Sprecherin:
Die Mythen der Griechen bezeugen, dass jeder der griechischen Götter mindestens einen Jünglingsliebhaber hatte. Der von Nietzsche fälschlich als Ausgeburt der Tugend und des reinen Geistes stilisierte Apoll soll mit nicht weniger als mit achtzehn Jünglingen homosexuelle Affären gehabt haben. Attis erscheint in Attika als Liebhaber des Knaben Agdistis. Der Heilgott Asklepios liebte den Jüngling Hippolytos.

Zitator:
Bezeichnend für die Verbreitung der Päderastie unter den Göttern ist die Tatsache, dass Dionysos während eines Idylls mit einem Knaben nur eine einzige Sorge hat, dass nämlich Zeus, der Vater der Götter und der eigene Vater, ihm den Knaben stehlen könnte, der schöner sei als Ganymed.
Eros galt nicht nur als Gott der Liebe, sondern insbesondere auch der Knabenliebe. Ihm war in Athen am Eingang der Akademie von Charmos, dem Liebhaber des Hippias, ein Altar gesetzt worden, zu dem die Päderasten von ganz Attika pilgerten. Auch in Theben wurde er als Schutzgott der Päderastie verehrt. Bei dem Erosfest in Thespiai fand ein Wettbewerb statt, der das beste päderastische Lied des Jahres mit einem Preis krönte.

Sprecher:
Diese von Ernest Bornemann erwähnten Beispiele könnten noch endlos fortgesetzt werden. Sie wurden nur deshalb so ausführlich zitiert, weil die homoerotische Atmosphäre Athens der gesellschaftliche Hintergrund war, in dem Platon selber erzogen worden war. Seine eigenen Vorstellungen von Eros und Liebe blieben davon nicht unbeeinflusst. Merkwürdigerweise wird in der vorhin genannten Lexikondefinition der "platonischen Liebe" dieser homoerotische Kontext verschwiegen (gar nicht erwähnt).

Sprecherin:
Wenn Platon auch in seinem Spätwerk die Päderastie als unmoralisch verurteilte, hat er doch in seinen frühen Schriften keineswegs das Ideal einer rein geistigen - von leiblichen Impulsen völlig losgelösten - Liebe oder Freundschaft vertreten.

Sprecher:
In einer seiner Schriften lässt Platon Sokrates als Ratgeber in Liebesangelegenheiten auftreten. Der pubertierende Hippothales ist unsterblich verliebt in den schönen Jüngling Lysis. Lysis aber macht sich mit einem anderen Freund über die törichten Liebesbeweise seines Anbeters nur lustig, der ihm Blumen schenkt, obwohl er mit Füssen getreten wird. In seiner Verzweiflung wendet sich Hippothales an den so viel älteren Sokrates. Im Sinne der obengenannten Definition der "platonischen Liebe" als von aller Sinnlichkeit gereinigte Freundschaft müsste Sokrates den verwirrten Jüngling nun eigentlich vor seinen Gefühlen warnen und ihn über die Qualitäten rein geistiger Freundschaft belehren. Sokrates tut aber das gerade Gegenteil. Er hält Hippothales nicht zurück, sondern erklärt ihm, dass ein Liebhaber wie ein Jäger geschickt agieren müsse, um seine Beute einzufangen.

Zitator:
Du lächerlicher Hippothales! Ehe du noch gesiegt hast, dichtest du schon einen Lobgesang? Wer in der Kunst zu lieben ein Meister ist, der lobt den Geliebten nicht eher, als bis er ihn hat.

Sprecher:
Diese Art einer "Kunst zu lieben" klingt nicht gerade besonders fromm. Sokrates gibt sich hier als ein raffinierter Experte in der Taktik des Verführens aus. Dabei geht er sogar richtig in die Praxis: Die Wahrheit seiner Lehre demonstriert er direkt am Objekt - das heisst am Menschen. Vor dem staunenden Hippothales demütigt er den von Zuneigung verwöhnten Lysis, in dem er ihm durch geschicktes Fragen erkennen lässt, dass er doch im Grunde nur ein ziemlich mittelmässig begabtes Bürschchen sei. Indem Sokrates Lysis seine Macht zeigt, gewinnt er dessen Respekt. Die Moral der Geschicht“: Zeige dem Geliebten deine Zuneigung erst dann, wenn er dir die seinige signalisiert hat.

Sprecherin:
Ist das "platonische Liebe", wie wir sie seit Jahrhunderten als die reine leidenschaftslose Zuwendung begreifen? Nein, das ist eher eine Art Psychotaktik.

Sprecher:
Auch eine andere Schrift "Phaidros" bezeugt, dass die platonische Liebe sinnliche Neigungen nicht nur zulässt, sondern sogar als notwendige Bedingung beschreibt.
Und auch hier - wie im "Lysis" - sind es nicht Frauen, die den stets unverheiratet gebliebenen Philosophen reizen, sondern ein schöner Knabe namens Phaidros. Die Lust wird hier als ein "heiliger Wahnsinn" bezeichnet.

Zitator:
Wer... ein gottähnliches Angesicht erblickt oder eine Gestalt des Körpers, welche die Schönheit vollkommen darstellen, so schaudert er zuerst..., hernach aber betet er sie an wie einen Gott, und fürchtete er nicht den Ruf eines übertriebenen Wahnsinns, so opferte er auch, wie einem heiligen Bilde oder einem Gotte, dem Liebling. Und hat er ihn gesehen, so überfällt ihn, wie nach dem Schauder des Fiebers, Umwandlung und Schweiss und ungewohnte Hitze... Und es schwillt der Kiel des Gefieders...

Sprecher:
Diese Stelle aus Platons "Phaidros" beschreibt in ebenso plastischer, wie poetischer Prägnanz die sexuelle Lust, die der geliebte Jüngling im Philosophen erzeugt. Platon war demnach keineswegs frigid. Dementsprechend wird in seiner Philosophie nicht die "philia" - das griechische Wort für die nicht sinnliche Freundschaft - besonders herausgestellt, sondern der geflügelte und immer brünstige Halbgott Eros, dem Platon mit seinem "Gastmahl" eine ganze Schrift voller Lobreden gewidmet hat. Auch das passt nicht zu unserem geläufigen Verständnis von "platonischer Liebe".

Sprecherin:
Sokrates, das fiktive Sprachrohr Platons, ist zu einer Dichterfeier eingeladen. Drei Tage und Nächte lang wird gegessen, gezecht, gesungen und getanzt. In der letzten Nacht schlägt Sokrates vor, sich nunmehr der Ausschweifung zu enthalten, um stattdessen den Gott Eros mit Worten zu ehren. Es werden viele Reden gehalten. Auch Phaidros ist wieder dabei. Er lobt Eros als den ältesten Gott der Griechen. Seine Rede gipfelt in einem Plädoyer für die Zulassung homosexueller Beziehungen in der Armee, denn wenn die Soldaten sich gegenseitig lieben würden, wären sie auch bereit, sich füreinander zu opfern.

Sprecher:
Der zweite Redner Pausanias gibt sich differenzierter: Man dürfe den Eros nicht pauschal loben, meint er, sondern müsse zwischen einem guten und einem schlechten unterscheiden. Der schlechte sei das Kind der gemeinen Aphrodite. Der würde die reine Liebe verderben, indem er Begierden zu Frauen erzeuge. Der himmlische Eros aber würde Knaben vorziehen.

Sprecherin:
Der Dichterfürst Agathon kann da nur zustimmen. Für ihn ist der Eros nicht der älteste, sondern der jüngste Gott und darüberhinaus von sehr zarter, anmutiger Gestalt wie einer seiner Jünglinge, der zur Schar seiner Verehrer gehört.

Sprecher:
Aristophanes schliesslich erzählt die Legende von den Urmenschen. Ursprünglich soll es gar keine verschiedenen Geschlechter gegeben haben, sondern nur Kugelmenschen. Da sie in ihrer Vollkommenheit den Göttern zu mächtig erschienen, soll Göttervater Zeus beschlossen haben, sie zu teilen in Männer und Frauen. Seitdem würde der Eros sie dazu antreiben, nach ihrer verlorenen zweiten Hälfte zu suchen. Die niederen Menschen würden ihre zweite Hälfte unter den Frauen suchen. Die höhergestellten aber würden erkennen, dass die wahre Wiedervereinigung nur mit einem Partner des eigenen Geschlechts zu vollziehen sei.

Sprecherin:
Nach all diesen Lobreden auf den homoerotischen Eros tritt Sokrates auf die Bühne und gibt sich wiedereinmal sehr bescheiden. Er selbst würde ja nicht viel über den Eros wissen, sagt er. All sein Wissen habe ihm die Priesterin Diotima mitgeteilt.

Sprecher:
Dass Sokrates in dieser nicht gerade frauenfreundlichen Männerrunde sich als Schüler einer Frau zu erkennen gibt, muss ziemlich provokativ gewirkt haben. Ebenso provoziert es die Anwesenden, dass Sokrates dem Eros nicht die Würde eines Gottes zuerkennen will.

Sprecherin:
Götter würden vollkommen selbstgenügsam in sich selbst ruhen, behauptet Sokrates. Der Eros sei dagegen die verkörperte Bedürftigkeit, also keineswegs selbstgenügsam. Sein Vater sei Poros, ein Giftmischer und Sophist, der verkörperte Jagdtrieb. Seine Mutter aber sei eine Obdachlose, die zum Fest der Götter pilgere, um sich etwas zu erbetteln. Zwar würde der Eros von schönen Körpern erregt werden. Doch die schönen Leiber seien nur ein erster Anstoss, um die Sehnsucht nach der rein gesitigen Idee des Schönen und Guten zu erwecken, eine Suche nach Weisheit, mit dem Ziel, letztlich ebenso unsterblich zu werden wie die Götter. Das höchste Ziel des Eros sei daher nicht das Streben nach der verlorenen zweiten Hälfte - wie Aristophanes behauptet hatte, sondern die Suche nach der Wahrheit, also Philosophie.

Sprecher:
Obwohl Platon an dieser Stelle der vorhin zitierten Lexikondefinition näher kommt, indem er die geistige Seite des Eros herausstellt, wird gleichzeitig deutlich, das der von ihm beschriebene Eros als als Trieb zur Weisheit und zur Unsterblichkeit mit Freundschaft überhaupt nichts mehr gemein hat. Denn nach der Idee des Schönen und Guten kann ich auch ohne Freunde streben.

Sprecherin:
Die Suche nach der verlorenen Hälfte - die Aristophanes vorher noch als höchsten Sinn des Eros gepriesen hatte - war dagegen noch mit einem metaphysisch verklärten Freundschaftsideal vereinbar. Nach Aristophanes fühlen sich zwei Freunde deshalb miteinander verbunden, also "seelenverwandt", weil sie ursprünglich einmal eins gewesen waren. Platon alias Sokrates lehnt diese Konzeption aber ausdrücklich ab.

Zitator:
So sagt Aristophanes in seiner Rede, dass die die ihre Hälfte suchen, lieben. Ich aber sage, die Liebe erstrebt nicht in erster Linie die andere Hälfte, noch die Wiedererlangung der Ganzheit, sondern das Gute.

Sprecherin:
Auf der Suche nach dem Schönen, Guten und Wahren lässt sich der Mensch im ersten Schritt von einer physisch schönen Gestalt erregen. Er soll dann aber erkennen, dass die leibliche Schönheit nicht das eigentliche Ziel sein kann, eben weil sie vergänglich ist. Als letztes Ziel des Eros werden der Besitz der wahren Tugend und die Unsterblichkeit genannt. Wer diese höchste Stufe des Eros erklommen habe, würde nicht nur von den Göttern geliebt werden, sondern dürfe auch die Jugend im Sinne der wahren Tugend erziehen.

Sprecher:
Diese Stelle im "Gastmahl" ist von einigen Interpreten im Sinne eines christlich geglätteten Platonbildes missverstanden oder bewusst falsch ausgelegt worden. Immer wieder wird behauptet, dass der platonische Eros im andächtigen Schauen angesichts der Erhabenheit der Idee des Guten und Schönen verharren würde. Diese Art von Frömmigkeit des Denkens war dem immer praktisch und politisch denkenden Platon allerdings nicht eigen. Er sagt im "Gastmahl" ausdrücklich, dass der vom Eros besessene Philosoph am Ende seines geistigen Höhenflugs die "wahre Tugend" in "Besitz" nimmt. Das bedeutet nichts anderes, als dass er sie für seine Zwecke instrumentalisiert. Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid weist noch einmal auf den monologischen Charakter dieser platonischen Eros-Vorstellung hin.

Zitator:
Es handelt sich nicht um eine Zeugung im Schönen, sondern um ein Gebären des Liebhabers aus sich selbst heraus im Anblick des Schönen: eine Jungfrauengeburt oder besser: Eunuchen-Geburt.

Sprecher:
Hier wird nur angedeutet, was Platon in späteren Schriften detailliert ausführen wird: Wer vom Eros geleitet, mit der Wahrheit selbst in einem geistigen Sinne kopuliert, ist dazu berufen, als Philosophenkönig über die unwissenden Menschen ohne jede demokratische Kontrolle zu herrschen.

Sprecherin:
Kommen wir zurück zu unserer Eingangsdefinition der "platonischen Liebe" als rein geistige Verbundenheit oder Freundschaft.

Sprecher:
Im Unterschied zu den anderen Rednern des Gastmahls gibt Sokrates - als Agent der platonischen Philosophie - deutlich zu verstehen, dass ihm der Freund nur als eine Art Durchgangsstufe für eine höhere Projektion dienlich ist. Auch an keiner anderen Stelle seines Werkes gibt Platon zu erkennen, dass man den Freund um seiner selbst - und nur um seiner selbst willen - lieben soll. Das wäre für Platon eine Art Menschenvergötzung. Denn wenn der Freund nicht das Gute will, dürfe man ihn nicht mehr lieben. Von Freundschaft könne nur dann die Rede sein, wenn beide sich gleichermassen dem Dienst an einem Ideal verschreiben. Sie sind demnach Gesinnungsgenossen im Hinblick auf eine gemeinsame Ideologie, die Platon ohne weitere Erläuterung als das "Gute" festlegt. Das Gute ist gut, weil es gut ist - oder von den Philosophenkönigen so und nicht anders definiert wird.

Sprecherin:
Diese Gesinnungsgenossenschaft ist für Platon der höchste Zweck, dem er bei einer sogenannten "Freundschaft" noch gelten lassen will. Das persönliche Wohlergehn des jeweils austauschbaren Partners ist für Platon völlig unerheblich. Die Solidarität mit dem angeblich Guten und Schönen ist das einzige verbindende Band: In diesem Sinne wären die Genossen einer Partei, die für das GUT-Denken im Sinne Orwells plädiert, im Sinne Platons bessere Freunde als zwei Menschen, die sich von Jugend an kennen, gemeinsam aufgewachsen sind, ähnliche Erlebnisse hatten und sich für das gegenseitige Wohlergehen einsetzen.

Sprecher:
Dagegen wird Aristoteles eine Generation später eine sehr viel individualistischer anmutende Ethik der Freundschaft entwickeln, die in der Aussage gipfelt, dass wahre Freundschaft deswegen tugendhaft sei, weil ein wahrer Freund um des Freundes willen bereit sein soll, sich selbst aufzugeben. Das utilitaristische Prinzip des gegenseitigen Nutzens dürfe eine Freundschaft nicht vorrangig bestimmen, so Aristoteles.

Sprecherin:
Ganz anders Platon. Der Freund soll nicht um seiner selbst willen geliebt werden, sondern um der Idee des Guten willen.
Es fällt auf, dass bei Platon die Freunde in der Regel weder gleichberechtigt, noch gleichrangig sind. Es ist immer der Ältere, der einen Jüngeren belehrt. Das platonische Freundschaftsideal hat eine hierarchische Struktur. Es geht immer um Belehrung eines wehrlos Jüngeren durch einen erfahrenen Älteren. Mit anderen Worten: Indoktrination ist das höchste Ziel der "platonischen Liebe".

Sprecher:
Es hat sich also gezeigt, dass die platonische Liebe die Sinnlichkeit nicht absolut verneint. Sie wird allerdings auch nicht um ihrer selbst willen bejaht, sondern nur als Anstoss für ein höheres Streben. Die Schönheit des Jünglings erweckt in dem Platoniker das Bedürfnis, ihn zu dahingehend zu belehren, wie er seine Schönheit im Sinne eines höheren Strebens geistig veredeln könne. Die Didaktik einer solchen geistigen Veredelung beschreibt Platon ausführlich in seiner Staatsschrift und in dem Spätwerk "Die Gesetze". Von Sinnlichkeit wird hier nur noch in einem verächtlichen Sinne gesprochen. Und auch private Freundschaftsbündnisse werden nicht geduldet, wenn sie dem Staatsziel widersprechen. "Platonische Liebe" ist nun nichts weiter als Gehorsam um jeden Preis.

Zitator:
Über andere zu gebieten und wieder von anderen sich gebieten zu lassen, darum muss man auch im Frieden von Kindheit an sich üben, die Ungebundenheit aber (also auch private subversiv erscheinende Freundschaftsbünde) wird aus dem Leben aller Menschen sowie der von Menschen gebrauchten Tiere verbannt. (N 942d)

Sprecherin:
Obwohl sich zumindest der späte Platon zu diesem schon von Popper kritisierten totalitären Modell einer "geschlossenen Gesellschaft" bekannte, das keinen Platz mehr liess für Freundschaften in einem dialogischen Sinne, hat der Begriff "platonische Liebe" Platon selbst überlebt und wird weiterhin für die Bezeichung einer rein geistigen Beziehung dienen - was auch immer darunter zu verstehen sei - mit oder ohne Platon.