1.
Einleitung
In dieser Arbeit möchte ich darlegen, dass egalitäre Theorien,
insofern sie eine Gleichverteilung von Gütern in Form von Ressourcen
oder nutzbaren Gegenständen, eine Gleichverteilung von Rechten vor einer
höheren Instanz wie zum Beispiel einem Staat, oder eine Gleichverteilung
von Freiheiten an alle Menschen fordern, auf einem Menschen- und Moralverständnis
beruhen, dass in seiner Art nicht ewig gleich und somit nicht absolut gültig
und nur ein
Verständnis unter vielen ist.
Um dies zu erreichen, werde ich der Ausgangssituation,
die Rawls in der "Theorie der Gerechtigkeit als Fairness" erschafft, Nietzsches
"Genealogie der Moral" entgegenhalten. Ziel hierbei soll sein, die Selbstverständlichkeit
des Gebrauchs der egalitären Prämisse, dass das "Gute" allen Menschen
ein ähnlicher Begriff sei, genauer zu beleuchten und den Schluss zu
rechtfertigen, dass mit dem nietzschianischen Moralverständnis egalitäre
Überlegungen in dem Urzustand von Rawls keine Rolle spielen würden.
Getragen werde ich in dieser Seminararbeit von der Kraft
des Zweifels an scheinbar festen Werten und ihrem durch Gewöhnung zur
Selbstverständlichkeit erhobenen Gebrauch. Oder, um mit Nietzsche zu
sprechen: "Wir haben eine
Kritik der moralischen
Werte nötig, der
Wert dieser Werte ist selbst einmal in Frage zu stellen
[...]Wie? Wenn das Umgekehrte die Wahrheit wäre?"
[1]
2.
Der Urzustand bei Rawls
In seiner Monographie "Eine Theorie der Gerechtigkeit"
skizziert John Rawls eine Gesellschaft, in der eine größtmögliche
Gerechtigkeit herrscht. Sein Augenmerk liegt dabei auf der gerechten Verteilung
aller Güter, Rechte, Pflichten und Freiheiten, so dass alle sozialen
Klassen noch von den Differenzen profitieren. Um herauszufinden, wie eine
solche Gesellschaft aufgebaut sein müsste, nimmt Rawls den alten Gedanken
des Natur- bzw. des Urzustandes auf, den schon andere Vertragstheoretiker
wie "Locke, Rousseau und Kant"
[2] für ihre
Zwecke verwendeten und stellt ihn auf eine noch höhere Ebene der Abstraktion,
da die Ergebnisse nicht in eine bereits existierende Gesellschaft integriert
werden sollen oder dazu dienen werden, eine Regierung zu erstellen.
[3]
Rawls geht es um die Analytik der "Grundsätze, die freie und vernünftige
Menschen in ihrem eigenen Interesse in einer anfänglichen Situation
der Gleichheit zur Bestimmung der Grundverhältnisse ihrer Verbindung
annehmen würden."
[4] Dieser Urzustand,
in dem die Menschen sich über ihre zukünftige Gesellschaftsform
einigen müssen und wollen, ist durch einen kniffeligen Zusatz modifiziert,
der die Abstimmenden dazu nötigt, ihre momentane Gleichheit noch in
das zu erschaffende System zu transformieren: Der "Schleier der Unwissenheit"
[5] , der besagt, dass
niemand über sein zukünftiges Leben etwas weiß. Sprich: Nicht
nur zum Zeitpunkt der Abstimmung sind alle gleich. Jeder will und wird dafür
sorgen, dass dieser Zustand auch in der Zukunft zumindest im Prinzip
so bleiben wird. Wenn niemand weiß, in welcher Rolle und welcher
Klasse er zur Welt kommt, jeder Mensch aber das gleiche Bedürfnis nach
einem guten Leben hat, wird auch jeder dafür plädieren, dass jedem
die Erfüllung seines vernünftigen Lebensplans ermöglicht wird.
[6] Gleichzeitig ist
der Schleier der Unwissenheit
[7] Absicherung, dass
keine Entscheidungen getroffen werden können, die auf irgendeine Art
und Weise verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft Vor- oder Nachteile verschaffen
würden. Vor diesem Hintergrund, so proklamiert Rawls, gelangen die Menschen
zu zwei Kompromissen, zu zwei Gerechtigkeitsgrundsätzen:
1) Alle Menschen verfügen über
die gleichen Grundrechte und Grundpflichten in der Gesellschaft.
2) Differenzen zwischen Einzelnen sind nur akzeptabel, wenn aus ihnen Vorteile
für die ganze Gesellschaft entstehen, wenn also durch die Gewinne und
evidenten Charakteristika oberer Klassen auch untere Schichten deswegen Vorteile
genießen können. Ich führe zwei Beispiele an:
I) Sobald eine obere Klasse durch ihre
körperlichen Vorteile
[8] neue Ressourcen
erschließen kann, müssen auch die körperlich benachteiligten
Mitglieder davon einen Gewinn haben in der Art, dass auch sie einen Zuwachs
an abstrakt gesprochen Wohlbefinden vernehmen. Eine raffinierte
Stabilisierung der zu erschaffenden Gesellschaft, da jede Motivation zu Klassenkämpfen
aufgehoben ist. Es gibt keine kontradiktorischen sozialen Schichten mehr,
wie Marx und Engels sie ausriefen.
[9]
II) Wenn eine Person mit hoher Intelligenz ein neues Gerät konstruierte,
das eine zweite kopernikanische Revolution des Weltbildes zur Folge hätte,
darf sie sie nicht aus dem Grund, diese Erkenntnis nur für sich beanspruchen
zu wollen, nicht veröffentlichen, sondern muss sie den weniger intelligenten
Mitmenschen zur Verfügung stellen.
Laut Rawls führen diese beiden Punkte dazu, dass die zwangsläufig
entstehenden Differenzen der Klassen und einzelnen Personen nicht in eine
ungerechte und antiegalitäre Gesellschaft führen. "Die intuitive
Vorstellung ist die, dass jedermanns Wohlergehen von der Zusammenarbeit abhängt
und [...] die Verteilung der Güter jeden, auch den weniger Begünstigten,
geneigt machen sollte, bereitwillig mitzuarbeiten."
[10]
Diesem Urzustand ist skeptisch gegenüber zu stehen,
da Rawls wie seine Vorgänger bewusst einen abstrakten Zustand kreiert:
"Dieser Urzustand wird natürlich nicht als ein wirklicher geschichtlicher
Zustand vorgestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur."
[11]
Auf der einen Seite ein sinnvolles philosophisches Gedankenexperiment
um eine Hypothese über einen gerechten Staat zu gewinnen, auf der anderen
Seite aber eine Leugnung der Realität und der Genesis der Moral. Nietzsche
würde hier in Frage stellen, ob aus diesem abstrakten Zustand überhaupt
philosophische Wahrheiten gewonnen werden können
[12] , da er generell
alle traditionellen Moralen, die auf einer zeitlosen Wahrheit und intrinsischen
Werten basieren, in Abrede stellte.
[13] Zunächst muss
aber geklärt sein, wovon Rawls ausgeht, wenn er so selbstverständlich
sagt, dass aus einem zeitlosen, fiktionalen Urzustand etwas Sinnvolles über
Gleichverteilung und Gleichheit der Menschen ausgesagt werden kann. Ich
sehe als Bedingung hierfür einen ebenso zeitlosen Begriff von Moral
und eine ebenso zeitlose Definition des Guten beim Menschen selbst. Nur
wenn dies zu allen Zeiten sinnvoll als unwandelbar gelten kann, macht sein
Gedankenexperiment zur "Theorie der Gerechtigkeit als Fairness" überhaupt
Sinn. Der Eindruck lässt sich aber nicht von der Hand weisen, dass,
obwohl Rawls sich an einigen Stellen durchaus seiner schwierigen Lage bewusst
zu sein scheint, er in seinen Prämissen bereits davon ausgeht, alle
Menschen seien Repräsentanten und Verteidiger einer
Vorstellung der Gerechtigkeit und eines
Zielbewusstseins in Bezug auf die Erschaffung einer egalitären Gesellschaft:
"Denn in Anbetracht der Symmetrie aller zwischenmenschlichen Beziehungen
ist dieser Urzustand fair gegenüber den moralischen Subjekten, d.h.
den vernünftigen Wesen mit eigenen Zielen und das nehme ich an
der Fähigkeit zu einem Gerechtigkeitsgefühl."
[14] Die Gleichheit
des Menschseins, wie Bernard Williams sie versteht
[15] , das Gebot Kants,
keinen Menschen bloß als Mittel zu betrachten und die Grundvorstellungen
des Christentums, dass wir in unserem Menschlich-Sein alle gleich sind vor
Gott [16] , liegen hier unbewusst
offen, ohne weiter hinterfragt zu werden, hinterfragt in dem Sinne, dass
andere Überlegungen zu anderen Resultaten und ergo zu anderen Theorien
führen können
[17] .
Aber kommen wir zur Klärung des Menschenbildes,
das Rawls benutzt, und dazu, was für ihn "gut" bedeutet.
[18]
2.1 Der Begriff des Guten bei Rawls
Rawls selbst sieht die Notwendigkeit der begrifflichen Klärung und widmet
ihm ein ganzes Kapitel in der "Theorie der Gerechtigkeit": das Kapitel 7
mit dem Titel "Das Gute als das Vernünftige". Zunächst erfolgt
die Aufteilung in "zwei Theorien des Guten" (Rawls), von denen er die eine
als die schwache( siehe 2.1.1) und die andere als die vollständige Theorie
( siehe 2.1.2) bezeichnet.
2.1.1 Die schwache Theorie des Guten
In dieser Theorie verbindet er den Begriff mit der Nützlichkeit, die
verschiedene Handlungen und Gegenstände, ihrem Zweck und so der ihr
eigenen Vernünftigkeit ("definiert man die Vernünftigkeit als die
Anwendung wirksamer Mittel zur Erreichung von Zielen"
[19] ) nach, für
den einzelnen Menschen haben. Eine Lampe ist eine "gute" Lampe, wenn sie
Lichtwellen aussendet, da es vernünftigerweise zum Wesen einer Lampe
gehört, eben dies zu tun. In der schwachen Theorie ist die Vorstellung
vom "Guten" als eine moralfreie aufgeführt. Es kann ebenso ein "guter"
Diktator gedacht werden, der sein "Handwerk" der ihm angemessenen Vernunft
gemäß handhabt und das Volk unterdrückt. Dessen ist sich
Rawls bewusst: "Der Standpunkt, von dem aus Dinge als gut oder schlecht beurteilt
werden, ist nicht notwendig recht oder moralisch richtig."
[20] Ich führe
diesen Gedanken weiter und stelle fest, dass dies zunächst zu einer
Unbrauchbarkeit des Begriffes "gut" für moralische Erklärungsversuche
führt. Jedes Individuum kann etwas anderes unter "gut" in Relation zu
dem hineingelegten Nutzen verstehen. Kommunikation über einen absoluten
Begriff des "Guten", der für moralphilosophisch brauchbare Aussagen
Verwendung finden kann, ist eo ipso nicht möglich.
Vorschnell sollte allerdings nicht geschlossen werden,
dass demzufolge auch die Situation des Urzustandes im unendlichen Regress
verharren müsste und nicht entscheidungsfähig sei, da Rawls momentan
nur die evidente Struktur des Begriffes "gut" als Grundlage für vernünftige
Entscheidungen einer Gemeinschaft definiert. "Bei der ursprünglichen
Übereinkunft setzen also die Parteien voraus, dass ihre Vorstellungen
vom Guten eine
bestimmte Struktur
haben, und das genügt,
um Grundsätze vernünftig wählen zu können."
[21]
Im folgenden Schritt eröffnet Rawls die Bivalenz
der Begriffe "gut-schlecht" in Zusammenhang mit Ratschlägen und bezieht
dies wiederum auf die schon erwähnte Nützlichkeiten
[22] : Ein guter Ratschlag
ist ein Ratschlag, den mir eine Person gibt, die intersubjektiv das für
mich Vernünftige und der Situation, auf die jener Ratschlag bezogen
ist, Entsprechende abwägt und zur Mitteilung bringt. Ein schlechter
Ratschlag wird ergo nicht an einer vernünftigen Abwägung orientiert
sein und wenig nützen.
Es kann gesagt werden, dass die "schwache Theorie" den
Begriff "gut" als Begriff der Nützlichkeit auslegt und den Begriff "schlecht"
als Begriff der Unnützlichkeit. Auf diese Weise ist das Begriffspaar
zeitlos, da sich die Nützlichkeit der Gegenstände nicht ändern
wird. Ihnen werden unter Umständen neue Sinne gegeben, die alten erweitert,
aber um das Beispiel, das Rawls nennt, aufzugreifen eine gute
Uhr wird immer die genaue Uhrzeit angeben müssen. Ebenso wie sich nach
diesem Sprachverständnis die Prädikate "gut" und "schlecht" in
ihrer Definition als Angaben der Nützlichkeit oder Unnützlichkeit,
die vernünftigerweise einem Gegenstand, einer Situation anhaften, nicht
ändern werden. Es "ist eine deskriptive Theorie in diesem Sinne."
[23]
2.1.2 Die vollständige Theorie
des Guten
In der vollständigen Theorie des Guten nimmt Rawls die moralische Dimension
mit in die Überlegungen auf. Ich werde mich, um meinen Argumentationslauf
überschaubar zu gestalten, an nur zwei Stellen orientieren, deren erste
( siehe 2.1.2.1) ich jetzt zitiere und analysiere und deren zweite ( siehe
2.1.2.2) im Anschluss behandelt wird. Daran wird für unsere Zwecke genügend
deutlich werden, was eben dieses für Rawls ist: ein moralisch guter
Mensch.
2.1.2.1 Der gute Mensch bei Rawls
"Ein guter oder moralisch wertvoller Mensch ist also jemand, der in überdurchschnittlichem
Maße die grundlegenden Eigenschaften einer moralischen Persönlichkeit
aufweist, die die Menschen im Urzustand vernünftigerweise aneinander
wünschen. [...] Man könnte also auch sagen, ein guter Mensch habe
die Eigenschaften einer moralischen Persönlichkeit, die die Mitglieder
einer wohlgeordneten Gesellschaft vernünftigerweise an ihren Mitmenschen
wünschen." [24]
Um diese Aussage halten zu können, müssen mehrere
Prämissen wahr sein. Zum einen, dass die Menschen eine egalitäre
Gemeinschaft, in der Zusammenarbeit erwünscht ist, überhaupt wollen
. Zum anderen, dass die durch die verschiedenen Klassen entstehenden Diskrepanzen
durch ein Miteinander aller möglichst zum Vorteil aller umgestaltet
werden sollen. Dieser Forderung nach Prämissen entspricht Rawls erwartungsgemäß:
"Insbesondere setze ich voraus, dass die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft
und eine vielfältige Zusammenarbeit zum menschlichem Leben gehört."
[25]
Hierdurch ermöglicht er zum einen erst seine Konklusionen,
schafft aber auch eine Angriffsfläche, auf die ich in dieser Arbeit
hinweisen möchte: die vermeintliche Zeitlosigkeit der Gerechtigkeit
auf der Basis des Guten als des Vernünftigen, dieses scheinbar zeitlose
Streben der Menschen nach einer egalitären Gesellschaft und den Willen,
sie in den beschriebenen Maßen zu verwirklichen.
Aber dies ist kein neues Problem: "Sie denken allesamt,
wie es nun einmal alter Philosophen-Brauch ist, wesentlich unhistorisch;
daran ist kein Zweifel."
[26] Keineswegs denke
ich, dass die Konklusionen Rawls falsch sind und Überlegungen des Egalitarismus
nicht richtig sind, wenn diese Prämissen als Wahrheiten gesetzt, wenn
der Begriff des Guten nur auf diese Art zu verstehen ist.
2.1.2.2 Der böse Mensch bei Rawls
"Demgegenüber strebt der Böse gerade deshalb
nach ungerechter Macht, weil sie dem widerstreitet, was unabhängige
Menschen in einem anfänglichen Zustand der Gleichheit beschließen
würden; wenn er sie besitzt und ausübt, dann zeigt es seine Überlegenheit
und verletzt die Selbstachtung der anderen, und gerade das wünscht er
sich." [27]
Der böse Mensch steht bei Rawls für einen Typus
Mensch, der sich den Überlegungen des Urzustandes entzieht und nicht
das Bedürfnis verspürt, bei allen die gleichen Eigenschaften und
Denkmuster vorfinden zu müssen, sondern den anderen, die bei sich und
ihren Mitmenschen möglichst viel Gleichheit im Denken wünschen,
um moralisch gut zu sein, zeigt, dass er mehr kann und will und sich nichts
nehmen lässt, was er durch sein Wesen und sein Können verdient.
[28] Problematisch ist
auch hier, dass zum Halten dieser Aussage dieselben Prämissen gelten
müssen, die weiter oben ihre Erwähnung fanden und zweifeln lassen,
ob dieser "böse" Mensch wirklich moralisch "böse" ist, nur weil
er keine mit der Masse homogene Vorstellung vom "Guten" hat. Rawls spricht
hier aus einer Gesamtperspektive, die meiner Ansicht nach jegliche Individualität
zerstört und die Freiheit des Menschen unmöglich macht.
2.2 Vorläufige Zusammenfassung
(I)
Um aus dem Urzustand zu sinnvollen Schlüssen zu
kommen, muss Rawls den Begriff des "Guten" definieren. Zunächst unterteilt
er ihn in zwei Bereiche. Die schwache Theorie und die vollständige Theorie.
In der schwachen Theorie beschäftigt er sich mit dem Begriff "gut" unter
dem Aspekt der Nützlichkeit. Gut heißt nützlich, heißt
vernünftig. Analog erklärt sich auf dieser Ebene der Begriff "schlecht".
Halten wir fest: In der schwachen Theorie stehen sich "gut" und "schlecht"
als deskriptive Begriffe der Nützlichkeit und Unnützlichkeit gegenüber
und sind ihrer Struktur nach ewig.
In der vollständigen Theorie des Guten zieht Rawls
den Kreis größer und stellt nun fest, dass moralisch gute Menschen
solche sind, die bei allen die gleichen Vorstellungen der Moral wünschen
und voraussetzen, um ein gemeinschaftliches Leben unter den zwangsläufig
gleichen [29] Gerechtigkeitsgrundsätzen
zu ermöglichen. Die schwache Theorie findet sich hier unter dem Aspekt
der Vernünftigkeit wieder: Es ist vernünftig und nützlich,
wenn alle Menschen eine egalitäre Gesellschaft aus einem Zustand, in
dem alle gleich sind, wünschen und fordern.
Der moralisch böse Mensch ist in der vollständigen
Theorie ergo ein Mensch, der diesen Tendenzen zuwiderläuft und sich
nicht auf diese Überlegungen einlässt oder sie eigenmächtig,
dem Kollektiv zum Schaden, übersteigt. Indem er nach mehr Macht strebt,
die er laut der Meinung vieler nicht verdient hat, wird er von der Masse
als böse empfunden.
Kurz: Der moralisch gute Mensch als ein Jemand, der sich
der Gemeinschaft anpasst und mit der Masse konforme Schlüsse in Bezug
auf die Gerechtigkeit unter dem Aspekt der Nützlichkeit zieht, steht
dem moralisch bösen Menschen gegenüber, der sich mehr nehmen will,
als es die Mehrheit erlaubt, und sich an seiner Macht erfreuen will.
3.
Nietzsche und
die Moral
Die Auslegung Rawls der zwei Vorstellungen "gut-schlecht" und "gut-böse"
zeigt, wie diese als wichtige Prämissen für hypothetische Überlegungen
dienen können. Rawls muss davon ausgehen, dass die Menschen sich auf
diese Moralvorstellungen geeinigt haben und sie als die richtigen ansehen.
Ich möchte nun diesen Überlegungen die Darlegung Nietzsches gegenüberstellen,
um zu verdeutlichen, dass diese Prämissen nicht von allen Menschen so
aufgefasst werden und demzufolge auch andere konträre Ergebnisse im
Urzustand entstehen können. Es wird zu zeigen sein, dass die Begriffe
"gut-schlecht" und "gut-böse" auf andere Weise verstanden werden können.
Sie sind nicht zeitlos und können nicht den einzig wahren Gültigkeitsanspruch
erheben. [30]
3.1
Das "Gute und Schlechte" bei Nietzsche
Dass das Gute das Nützliche ist, wird von Rawls
als gegeben vorausgesetzt, von Nietzsche allerdings als wenig schlüssig
empfunden. Ziel seiner Arbeit ist es, aus etymologischer Sicht die Entstehung
der bekannten Begriffe "gut-schlecht - gut-böse" unter Bezugnahme auf
Moral zu untersuchen. Ihm ist dabei bewusst, dass seine Überlegungen
keinen Wahrheitsanspruch erheben können und auch keine radikalen Widerlegungen
in dieser Arbeit die der rawlschen Moralprämissen sein
können. [31] Aber sie werden
die Selbstverständlichkeit des Gebrauchs der für die egalitären
Theorien vorausgesetzten Prämissen unter anderem Licht betrachten und
anzweifeln. Zunächst muss jedoch die Motivation Nietzsches erläutert
werden, die Entstehung der Moral genauer zu untersuchen:
Es sind die Theorien des Engländers Paul Ree, die
dieser in seinem Werk "Der Ursprung der Moral" darlegt, die Nietzsche "Satz
für Satz. Schluss für Schluss"
[32] ablehnt. Das Nein-
Sagen zu diesen Theorien über Moral ist für ihn Motivation, den
Sachverhalt genauer zu untersuchen. Nietzsche zeigt auf, dass die bisherigen
Philosophen, die er "Historiker der Moral"
[33] nennt, in den Grundsätzen
und Ursprüngen ihres Denkens, das laut Nietzsche auf der Interpretation
der Entstehung des Begriffs "gut" beruht, einen Fehler machen: "Die Stümperei
ihrer Moral-Genealogie kommt gleich am Anfang zutage, da, wo es sich darum
handelt, die Herkunft des Begriffs <gut> zu ermitteln"
[34] . Dieser Fehler,
so lässt Nietzsche wissen, liege in der unhistorischen Begriffsinterpretation:
`Es seien die Handlungen früher als gut bezeichnet worden, die einer
Person erwiesen wurden und ihr nützlich waren.` In anderen Worten: Das
Nützliche einer Handlung, eines Gegenstandes ist das "Gute".
Dieser Position und Auslegung, die er sich selber vor Augen führt und
nicht zitiert, stellt sich Nietzsche entschieden entgegen und behauptet
stattdessen, dass die Entstehung der Begriffe "gut" und "schlecht" in einer
anderen Richtung zu suchen ist.
Die Historie, die bisher von allen Philosophen in den
Hintergrund gestellt wurde, wird nun zum wesentlichen Schlüssel für
das Verstehen der moralischen Genealogie. Nietzsche setzt seine Überlegungen
an die Anfänge der Menschheit: in eine Welt, in der aristokratische
Wertvorstellungen herrschen. Für ihn erklärt sich der Begriff "gut"
nicht aus der Nützlichkeit einer Handlung, eines Gegenstandes, die irgendwem
gelegen ist, sondern aus einem "Pathos der Distanz"
[35] zwischen einer
intellektuellen, mächtigen, adeligen Oberschicht und einer niedrigen,
gemeinen, pöbelhaften Unterschicht.
Die "starken" Menschen, so lässt sich interpretieren, interessieren
sich nicht für Nützlichkeiten "Was ging sie die Nützlichkeit
an!" [36] , sondern
nehmen es als ein Selbstverständliches und Natürliches, dass sie
aus ihrer Position heraus bestimmen können, was "gut" und was "schlecht"
ist.
Schauen wir uns dieses "Pathos der Distanz" genauer an, werden wir feststellen,
dass es für Nietzsche keineswegs ein kurzer Augenblick und eine wandelbare
Situation in der Gesellschaft heute fühlen sich jene vornehm
und stark, morgen andere gewesen ist. Es ist vielmehr eine Art Grundstimmung
der Erhabenheit. Analog zu Heideggers "Stimmung" der Angst als Grundgefühl
des Lebens, setzt er eine Stimmung der andauernden Erhabenheit als Befähigung
voraus.
Es folgt somit die Feststellung, dass etwas "Gutes" ursprünglich
nicht etwas Nützliches gewesen ist. Wer stark ist, handelt und nennt
es gut, auch wenn es völlig egoistisch ist. Dies sind aber nur Behauptungen
Nietzsches aus dem zweiten Abschnitt des ersten Hauptteils und er führt
noch keinen Beweis an. Diese sind im vierten und fünften Absatz zu finden,
in denen er etymologisch an die Genealogie der Moral und die Entstehung der
Begriffe "gut" und "schlecht" herangeht. In vielen Sprachen sei der Begriff
"gut" aus Wörtern wie "edel", "vornehm" und "seelisch-hochgeartet" entstanden.
Eine parallel laufende Entwicklung sei mit dem Begriff "schlecht" geschehen,
der sich aus "gemein" und "pöbelhaft" ableite.
[37]
Fassen wir kurz zusammen: In Nietzsches Begriffsvariante
existieren "gut" und "schlecht" nicht als Kennzeichen der Nützlichkeit
wie bei Rawls, sondern sie sind Ausdrucksweise eines Menschentypus, der sich
seiner besonderen Stellung und Fähigkeiten bewusst, und durch starke
Distanz zu der großen Masse befähigt ist, Werte zu verteilen und
Macht in Anspruch zu nehmen. Er ist imstande zu sagen, was gut sein soll
und was nicht. Nietzsche bezeichnet dieses Denken und diese Moral als "Herrenmoral":
"Wenn die Herrschenden es sind, die den Begriff <gut>
bestimmen, sind es die erhobenen stolzen Zustände der Seele, welche
als das Auszeichnende und die Rangordnung Bestimmende empfunden werden. Der
vornehme Mensch trennt die Wesen von sich ab, an denen das Gegenteil solcher
gehobenen stolzen Zustände zum Ausdruck kommt. Er verachtet sie. Man
bemerkt sofort, dass in dieser ersten Art Moral der Gegensatz <gut>
und <schlecht> soviel bedeutet wie <vornehm> und <verächtlich>
- der Gegensatz <gut> und <böse> ist andrer Herkunft."
[38]
Hier möchte ich auf den "bösen" Menschen Rawls
verweisen und eine Analogie herstellen: Der Böse bei Rawls ist der Gute
bei Nietzsche. Wäre diese "Herrenmoral" im Urzustand bei Rawls verbreitet
was gedanklich plausibel ist, da es auch eine Moral ist, die jeder
akzeptieren könnte würden die Menschen zu anderen Überlegungen
in Bezug auf die künftige Gesellschaft gelangen, in der Art nämlich,
dass egalitäre Theorien der Verteilungsgerechtigkeit ohne Belang wären.
3.2 Das "Gute
und Böse" bei Nietzsche
Zur weiteren Verdeutlichung muss an dieser Stelle aufgeführt
werden, wie Nietzsche die Entstehung der Begriffe "gut" und "böse" erklärt,
die von Rawls als moralisch gültig angesehen werden.
Laut Nietzsche existierten in der Geschichte der Menschheit
zunächst die Begriffe "gut" und "schlecht", die von der aristokratischen
Oberschicht verwendet wurden ( siehe 3.1). Durch die Juden, die für
ihn ein ohnmächtiges Volk der Priester sind
[39] , ist es aber zu
einer Umkehrung der Werte gekommen. Eine Umkehrung hin zu der Moral, die
wir heute als die unsrige akzeptieren und die auch Rawls als Prämisse
gebraucht, zu der Moral nämlich, in der es "gute" und "böse" Menschen
gibt:
"4Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische
Wertgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich
= gottgeliebt) mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die
Umkehrung gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses
(des Hasses der Ohnmacht) festgehalten haben, nämlich <die Elenden
sind allein die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen, sind allein
die Guten, die Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen sind auch
die einzig Frommen."
[40]
Ein guter Mensch ist laut dieser "Sklavenmoral"
[41] ein Mensch, der
sich durch keinerlei Besonderheiten hervorhebt und mit der großen Masse
der Ohnmächtigen, dem "Ressentiment",
[42] konform ist. Durch
"geistige Rache"
[43] nur hätten
die Schwachen es geschafft, dass aus ihrer Schwäche, ihrer Identitätslosigkeit,
die in der Aristokratie "schlecht" hieß, eine "gute" Eigenschaft wurde.
Und alle die Eigenschaften, die in der Herrenmoral "gut" waren, wurden nunmehr
extrapoliert zu "bösen" Eigenschaften: denn "- wie verschieden stehn
die beiden scheinbar demselben Begriff <gut> entgegengestellten Worte
<schlecht> und <böse> da! Aber es ist nicht derselbe Begriff
<gut>: vielmehr frage man sich doch, wer eigentlich <böse>
ist, im Sinne der Moral des Ressentiment. In aller Strenge geantwortet: eben
der <Gute> der andren Moral, eben der Vornehme, der Mächtige,
der Herrschende."
[44]
3.3
Vorläufige Zusammenfassung (II)
Im Gegensatz zu Rawls legt Nietzsche die Begriffspaare
"gut-schlecht" und "gut-böse" als historisch gewachsene aus, die in
beiden Fällen dem Moralverständnis Rawls entgegenlaufen. Das "Gute
und Schlechte" hat für Nietzsche nichts mit Nützlichkeit zu tun,
sondern ist nur Ausdruck einer sich selbst-bewussten starken Oberschicht
der Gesellschaft, die aus egozentrischer Sicht diese Werte verschiedenen
Handlungen und Gegenständen zuspricht. Das schwache Volk hat diese Wertungsweise
so lange übernommen, bis die Juden als schwächstes und geistreiches
Volk die Umwertung der Werte, also die Umwertung der Moral, siegreich durchgeführt
haben. [45]
Seitdem ist "gut und böse" eine Wertungsweise, die
keine starken Individuen mehr zulässt und damit alle Verschiedenheiten
nivelliert. Für Nietzsche die falsche Moral, für Rawls der richtige
Weg.
4.
Fazit
Nachdem die beiden verschiedenen Interpretationen und Verständnisse
der für mich zentralen Begriffe "gut und schlecht" und "gut und böse"
verglichen worden sind, ist es nun an der Zeit, einen Schluss zu ziehen,
der auf die im Titel enthaltene Frage "Das Gute als Prämisse egalitärer
Theorien?" den Versuch einer Antwort gibt.
Ich denke nicht, dass egalitäre Theorien wie die von John Rawls sinnvoll
sind. Auch wenn er ein in sich schlüssiges Werk vorlegte, sehe ich zum
einen die großen Mängel solch riesiger Gedankenexperimente darin,
dass sie meines Erachtens völlig den Bezug zur Wirklichkeit verlieren
und sich in rein philosophisch interessanten Gedankenspielen erschöpfen,
zum anderen erschreckt mich der Gedanke, dass es Menschen gibt, die ernsthaft
solche Gesellschaften zu erschaffen als wünschenswert empfinden. Für
mich bedeutet die "Theorie der Gerechtigkeit" die vollständige Auslöschung
der Individualität zum Preis einer grauen Einheit, in der jeder irgendwie
dem anderen gleicht.
Hier teile ich deutlich die gesellschaftlichen Vorstellungen
Nietzsches, die besagen, dass es nun einmal Menschen gibt, die in vielen
Hinsichten "besser" sind als der Durchschnitt der Gesellschaft
[46] . Nietzsche nennt
sie "Übermenschen"
[47] und "souveräne
Individuen" [48] Versetzte ich mich
in die Position solcher Individuen, entstehen mehrere Fragen, die allesamt
verdeutlichen, dass die vorherrschenden Moralvorstellungen wesentlich auf
dem Verständnis beruhen, wie der Begriff des "guten" aufgefasst wird
und schließlich zur Motivation führt, überhaupt egalitäre
Theorien zu entwickeln.
1) Wieso sollte ich etwas meiner Macht
und meiner Vorteile abgeben, wenn ich doch ein starker Mensch bin, der sich
durchsetzen kann?
2) Wieso habe ich mich um meine schwachen Mitmenschen zu kümmern?
3) Wieso sollte dies "gut" sein?
Aus Sicht dieser starken Individuen ist eine egalitäre
Gesellschaft nicht nützlich, noch gut oder erwünschenswert. Daher
ist zu behaupten, dass die Menschen, sobald sie sich dieser möglichen
Moral bewusst sind, zu anderen Ergebnissen im Urzustand gelangen werden.
Ergo ist der Begriff des "guten" keine gültige Prämisse zum Erschaffen
egalitärer Theorien.