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Dieser "offene Brief" wurde niemals abgeschickt, da jeder Brief eines Empfängers bedarf, im Sinne eines vernehmenden Subjektes.
Zur Sloderdijk-Kontroverse von Steffen Graefe dr-graefe@t-online.de "Regeln für den Menschenpark - Ein Antwortbrief über den Humanismus". Mit seinem Vortrag in Elmau hat Peter Sloterdijk einen Sprengsatz antihumanistischer Enthemmung gezündet, der das geistige Fundament der Republik (die im Grundgesetz verankerten Menschenrechte) erschüttert. Proteste, empörte "offene Briefe" prominenter Philosophen und kritische Artikel prallten bisher an Sloterdijks Defensiv-Rhetorik ab: Wer ihm grenzenlose Befürwortung genetischer Manipulationen oder Klonungen des menschlichen Erbgutes unterstelle, würde seinen Vortrag "dämonisieren" und einer künstlichen "Dekadenz des Alarms" verfallen wie das "Schnattern der Gänse zu nächtlicher Stunde vor den Galliern". Weil eine kritisch-hermeneutische Textanalyse seiner Elmauer Rede ausblieb, konnte Sloterdijk bisher die Vorwürfe seiner Kritiker noch als "Erregungsproduktionen auf dem eng gewordenen Markt der Aufmerksamkeitsquoten" brandmarken. Mit einem weiteren "offenen Brief an Sloterdijk" liefert Steffen Graefe nun - selbst promovierter Philosoph - das noch fehlende Detail der Beweisführung und bringt eindeutige Belege dafür, daß Sloderdijk nicht nur ein offensiver und begeisterter Befürworter von "Großzüchtung" und Genmanipulation ist, sondern auch noch jede eigene Verantwortlichkeit zurückweist und an ein künftig zu bildendes "anthropotechnisches Konzil" delegiert, dem er eine schrankenlose Vollmacht zur Formulierung eines "Codex der Anthropotechniken" zuweist. Damit ist auch der Verteidigungsversuch Sloterdijks durch den Marburger Professor Thoman Anz in der Süddeutschen Zeitung vom 28. September 99 hinfällig, der in Sloderdijks Rede "keine Spur von Rassenhygiene, sozialdarwinistischen Ideologien der Stärke oder von Entartungsverdikten" glaubt finden zu können.
Lieber Peter Sloterdijk,
mit Ihrem Vortrag von Elmau haben Sie uns wieder daran erinnert, daß Bücher, Vorlesungen und Artikel eben nicht nur der Selbstdarstellung dienen, sondern einen Dialog mit den kritischen Lesern evozieren sollen. Sie wenden sich nicht an Jünger, sondern an mitdenkende und weiter denkende Freunde. Und ich kann Ihnen nur recht geben, wenn Sie in Ihrem Brief an Habermas (DIE ZEIT, Nr. 37) darauf hinweisen, daß es einen Unterschied macht, ob ich jemanden in anonymer Form wie eine Sache kritisiere, oder ob ich ihm in einem persönlichen Gespräch oder Brief direkt anspreche und ihn dadurch erst in seiner menschlichen Würde anerkenne. Erstaunlich ist nur, daß Sie diesen humanistischen Diskurs bei Habermas für sich selber einklagen, während Sie denselben in Ihrer Elmauer Rede zu Grabe getragen haben. Ungeachtet dieses Widerspruchs hat Sie Ernst Tugendhat in seinem Artikel (DIE ZEIT, Nr. 39) mißverstanden. Aus der Forderung, den Diskurs in der zweiten Person zu führen, kommt er zu der falschen Schlußfolgerung, als würde das kritische Gespräch zwischen Ich und Du notwendig darauf hinauslaufen, "das Placet des Autors einholen zu müssen", wenn ich ihn kritisieren will. Manfred Frank (DIE ZEIT Nr. 39) beweist mit seinem offenen Brief das Gegenteil: Er spricht Sie kritisch an in der zweiten Person, ohne sich dafür erst eine Erlaubnis holen zu müssen. Ich kann natürlich verstehen, daß es Sie kränkt, nicht vom Meister Habermas persönlich kritisiert zu werden. Darum stampfen Sie mit den Füßen auf und verabschieden so eben mal "die kritische Theorie". Offenbar wollen Sie Aufmerksamkeit erwecken - und das ist Ihnen fürwahr gelungen! (Man sollte eine "Big Brother"-Show mit Philosophen einführen: Habermas, Sloterdijk & Co. im Container!) In Ihrem offenen Brief an Habermas haben Sie auf die Unfähigkeit der Philosophen zum Dialog (trotz vermeintlicher Diskurstheorie) hingewiesen. Diese Unfähigkeit, eine ebenso sachliche, wie persönlich engagierte Auseinandersetzung um grundlegende Gedanken mit-einander und nicht nur über-einander zu führen, ist sehr alt und begleitet die "Meisterdenker" schon seit Jahrhunderten: Daß Kritik in der dritten Person leicht zu Diffamierung des anderen verleitet, beweist zum Beispiel die diffuse Polemik zwischen Schopenhauer und Hegel. Und bezeugte nicht auch Heidegger mit seiner Dialogverweigerung Jaspers gegenüber nur die monologische Eitelkeit eines sich auf seiner privaten Lichtung sonnenden Narzißten? Daß ich mich in diesem Brief nun zu einer weiteren durchaus dialogischen Stellungnahme aufraffe, hängt mit einem Mangel der bisherigen Debatte zusammen: Ihre Kritiker haben zum Teil bedenkenswerte Einwürfe gegen Ihre Elmauer Rede formuliert, und doch können Sie sich immer noch aus der Affaire ziehen, indem Sie behaupten, daß die Kritiker willkürlich irgendwelche Zitate aus dem Zusammenhang der Rede gerissen haben, ohne wirklich auf den Kontext des Gemeinten auch inhärent einzugehen. Denn zunächst erscheint es ja als eine fragwürdige Unterstellung, einfach nur zu behaupten, daß die bloße Verwendung des Wortes "Selektion" schon auf die faschistische Struktur der Denkkategorien des Urhebers schließen läßt. Auch Tugendhat und Habermas dürfen sich nicht anmaßen, Denkverbote zu erteilen. Was in der Diskussion bisher fehlt, ist eine immanente Kritik Ihrer Rede, die die inhaltlichen Zusammenhänge der Rede würdigt und dann gegebenenfalls darüber hinaus in ihrer hermeneutischen Struktur einen Mangel an rationaler Konsistenz aufweist. Wenn die Analyse der vermeintlichen Tiefe Ihrer Rede dieselbe als ein ungeschminktes Plädoyer für grenzenlose "Großzüchtung" des humangenetischen Erbes erweisen sollte, müßten Sie in Ihrem Antwortschreiben allerdings mehr bieten als nur semantisch gedrechselte Abwehr der vermeintlichen Bosheiten ihrer Kritiker aus einer Haltung larmoyanter Gekränktheit heraus. Sie müßten dann schon - entgegen Ihrer zum Raunen neigenden Natur - klar und deutlich begründen, inwiefern der hermeneutische und empathische Nachvollzug Ihrer Rede zu falschen Resultaten führte. Andernfalls wären Sie der Blamierte! Selbst wenn Ihnen offensichtliche Denkfehler nachgewiesen werden könnten, bleibt Ihnen immer noch das Verdienst, mit Ihrem Vortrag auf einen wunden Punkt der bisherigen Debatte zur ethischen Kontrolle genetischer Manipulationen hingewiesen zu haben, auf die Frage nämlich, ob es überhaupt allgemeinverbindliche Normen geben kann, wo doch das humanistische Erbe der Menschheit schon längst im Moloch postmoderner Beliebigkeit zu verwesen scheint. Es ist ja nicht der "ach so böse" Peter Sloterdijk, der als Buhmann einer selbstetablierten Philosophenszene nun den von allen anderen gefeierten Humanismus ins Nirvana schickt. Das von Ihnen angezettelte "Slotderdijk-Syndrom" ist nur ein Reflex längst eingeschleifter Denkgewohnheiten des 20. Jahrhunderts: Wie läßt sich zum Beispiel die Menschenwürde noch begründen, wenn Philosophen als letztes Kriterium der Wahrheitsfindung auf die reine Sprachlichkeit des Menschen verweisen? In der reinen Sprache tauchen zwar Gebote auf wie "Du sollst nicht töten", ebenso kann aber auch das Gegenteil behauptet werden. Strukturalismus und Poststrukturalismus stehen jenseits der Ethik, wird doch gerade die Konsistenz eines Individuums, um dessen personale Würde es der Ethik als "Selbstzweck" geht, angezweifelt. Auch Sie berufen sich ja immer wieder auf Zerstörer der personalen Würde (von Lacan bis zu Ihrem Guru Bhagwan "Osho" Shree Rajneesh), indem Sie den Menschen als "nomadischen Zombie in der Ego-Gesellschaft" oder als "Design-Individualisten" charakterisieren und als Ausweg nur die Züchtung eines "Menschenparks" empfehlen. In Ihrem Gespräch mit Hans-Jürgen Heinrichs (Lettre 36, Frühjahr 1997) propagierten Sie ein fatalistisches Weltbild, dem gemäß der Mensch - wie Goethes Zauberlehrling von den planetarischen Irritationen überfordert - sich nur noch als "Geisel von Problemen" fühlen könne, "die uns irgendwohin verschleppen". Die Menschheit sei "wehrlos gegenüber den großen Themen" der Zeit, "wie von Aliens entführt". Diese von Ihnen pseudooriginell in Szene gesetzte Meinung haben nicht Sie, hat nicht Peter Sloterdijk in die Welt gesetzt, sondern der französische Poststrukturalismus als Nachhall von Nietzsches polymorphen Denk-Strukturen. Manfred Frank weist in seinem offenen Brief zu Recht auf den größeren Kontext hin, innerhalb dessen Ihre Rede nur als ein spätes Echo erscheint. Wenn Sie bereits im Lettre-Gespräch eine "Umformatierung", eine "Größerformatierung" (!) des zeitgenössischen Menschen forderten, damit er "verkehrsfähig" werde "mit allen koexistierenden Kräften in einem jetzt globalisierten Großraum", scheint es so, als hätten Sie schon damals im Frühjahr '97 die Zukunftsfähigkeit des Menschen abhängig gemacht von seiner genetischen Weiterentwicklung. Der hektisch gestikulierende Protest der offenbar ein wenig schläfrigen Habermas-Jünger kommt also reichlich spät… Zu Ihrer Rede in Elmau: Die Struktur Ihrer Argumentation erscheint nur auf den ersten Blick wie ein "raunendes Geschweife und Geschwefel" oder wie der "Wackelpudding", den Manfred Frank vergeblich "an die Wand zu nageln" versucht. Nein, Sie bieten sich in dieser Rede in überraschender Eindeutigkeit dar, die wir von Ihren sonst sich hinter hermetischen Formulierungen verschanzenden Werken nicht gerade gewohnt sind. Der Humanismus, behaupten Sie, sei Ausdruck der Weltanschauung alphabetisierter Menschen, die sich damit von den Analphabeten abgrenzen wollen (was schon an sich fürwahr keine besonders humane Geste ist, wenn es denn so wäre). Als verkappter Fan von Ludwig Klages und Wilhelm Reich, denen zuviel Geist auf die Nerven ging, charakterisieren Sie den Humanismus als das "Phantasma" einer Literatengemeinschaft, sei Ausdruck einer "Sekten- und Club-Phantasie", "Traum" von Leuten, die sich auserwählt fühlen und sich der Welt als ebenso "bewaffnete" wie "belesene" Bürger präsentieren. Den humanistischen "Charakterpanzer" wollen Sie sprengen, damit wir uns endlich wieder in praller Animalität frei und wild gegenseitig anspringen können - was Sie selbst in Bhagwans Encountergruppen Anfang der Achtziger Jahre sehr genossen haben... Schließlich kennzeichnen Sie den Humanismus als Signum eines jeden Nationalstaates. Die "universale Geltung" dieses nationalen Humanismus werde nur "behauptet", um auf diese Weise der "Jugend die Klassiker aufdrängen" zu können. Bei letzterem Zitat hätte mir mein früherer Deutschlehrer: "pauschale, unbegründete Phrase!" an den Rand geschrieben. (Sloterdijk als "Flachdenker"? s.o.) Soweit die Thesen bis Ende Seite 3 Ihres so denkwürdigen Manuskriptes. Dieser Humanismus, den Sie meinen, hat mit den Menschenrechten ebensowenig zu tun wie mit dem Motto der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auch Kants humanistischen Appell an die je eigene Mündigkeit des Menschen vermag man in Ihrer Definition nicht wiederzuentdecken. Die Freiheit der mündigen Vernunft und der kategorische Imperativ vertragen sich sicherlich nicht mit dem von Ihnen skizzierten angeblich humanistischen Züchtungsdiktat, dem gemäß die Jugend zur Zwangsverdauung der Botschaft der Klassiker verurteilt werde. Für Sie - Sloterdijk - besteht keine qualitative Differenz zwischen humanistischer Bildung und genetischen Züchtungsphantasien. Sie sehen in dem Humanismus nichts weiter als ein Instrument der Zähmung. ("Richtige Lektüre macht zahm.") Jede Art von Zähmung oder Dressur kann nur mit den Mitteln des Zwangs erfolgen. Dementsprechend wäre für Sie auch die Dressur eines Schimpansen ein humanistischer Akt. Auch das soziale Ideal der Gleichheit im Sinne der dem Menschenrecht vorausgesetzten Gleichberechtigung, das u.a. von John Locke, von Jean-Jacques Rousseau ("Contrat social") und noch in der Charta der Vereinten Nationen proklamiert wurde, findet sich in Ihrem Humanismusverschnitt nicht wieder: Sie stellen den Humanismus als eine platte Abgrenzungsstrategie der Schriftgelehrten gegen Analphabeten dar, als ob die Menschen nur deswegen lesen lernten, um irgendwelche Analphabeten übervorteilen zu wollen: Daß der Vorzug, lesen zu können, in einem humanistischen Bildungsprogramm jedem Menschen gleichermaßen zuteil werden soll, fällt bei Ihnen unter den Tisch. Der italienische Philosoph Norberto Bobbio hat vor kurzem wieder darauf aufmerksam gemacht, daß von persönlichen Rechten der Bürger gegen ihren Staat erst seit der Aufklärung gesprochen werden könne. Demnach besteht ein Unterschied zwischen dem Humanismusbegriff der Antike und demjenigen der Aufklärung. Doch Sie - Sloterdijk - beschreiben den angeblichen "Humanismus" pauschal als scheinbar unhinterfragbare "Norm der politischen Gesellschaft", als "Gymnasialideologie". Sie verwischen damit alle Differenzen und Nuancen der unterschiedlichen, sich über Jahrhunderte entwickelt habenden humanistischen Konzeptionen. Übrig bleibt ein Zerrbild von "Humanismus" - ein bloßes Schlag-Wort, das Sie zum Popanz Ihrer eigenen Denkversuche sterilisieren, um dagegen zu streiten, wie ein Don Quijote gegen Windmühlen. Muß sich dem Leser nicht der Verdacht aufdrängen, als hätten Sie mit Ihrem Vortrag in Elmau nur das eigene Schultrauma noch einmal durchgekaut? Heideggers Seyn und Graf Dracula Kommen wir zum zweiten Teil Ihrer Denkwürdigkeiten, in dem Sie Heidegger als Zeugen aufrufen für die "Eröffnung eines trans- oder posthumanistischen Denkraums". Ich übergehe Ihr Referat zu Heideggers Humanismusbrief und lasse an dieser Stelle auch außer acht, ob der Freiburger Philosoph den Humanismus besser verstanden hat als Sie selbst, sondern frage nur nach den Konsequenzen, die Ihre Berufung auf Heidegger für Sie hat. Ihre Kritiker haben mit dem stereotypen Faschismusvorwurf offenbar nicht zur Kenntnis genommen, daß Sie sich ausführlich mit Heideggers "anti-vitalistischem Pathos" beschäftigen. Der Mensch unterscheide sich bei Heidegger fundamental vom Tier, darum dürfe ihm auch nicht wie bei Aristoteles das "rationale" Element nur als ein Zusatz im Kompositum "animal rationale" aufgesetzt werden. Auch noch in seinem Blut sei der Mensch "homo sapiens" pur. Da sein Dasein "Welt hat und in der Welt ist", wohingegen "Gewächs und Getier in ihren jeweiligen Umwelten verspannt" seien, erhebe sich der Mensch über jede Animalität. Das in der "Hörigkeit des Ek-Statischen" aufgehende heideggersche Bewußtsein übersteigt demnach jeden Rassismus, ist doch der Rasse-Begriff noch einem dogmatisch-vitalistischen Menschenbild verhaftet. Allerdings stellt sich (nicht für Sie) die Frage, ob der sich so fundamental und geradezu verächtlich von allem "Getier" unterscheidende Seinshirte in Heideggers angeblicher "Pastoralphilosophie" noch eine ökologische Sensibilität entwickeln kann - nehmen wir jetzt einmal Ihre Heidegger-Interpretation als unhinterfragtes Sprungbrett Ihrer Argumentation. In dieser Ihrer Heidegger-Interpretation behaupten Sie einfach, als könnten sich aus dem Kreise der heideggerschen "Mithirten und Freunde des Seins keine Nationen" bilden, "nicht zuletzt deshalb, weil es keinen öffentlichen Kanon der Seins-Winke geben kann." Dieser Auslegung hat Heidegger selbst nicht entsprochen, wollte er doch in seiner Rektoratsrede eine Art "Wehrstand" des höheren, durchaus "öffentlich" an-sprechenden Geschicks begründen, das nur als eine öffentliche Institution hätte verwirklicht werden können. Die Hirten, die "abwartend lauschen auf das, was vom Sein selbst her zu sagen aufgegeben werden wird" - sagen Sie -, seien "höriger als ein bloßer guter Leser", höriger schon deswegen, weil - im Unterschied zum Humanismus der Aufklärung - jede kritische Distanz als "Ausweichmanöver" und vermeintliches Resultat eines "zweitausendjährigen Nichtdenkens" verworfen wird. Das kritische Potential aufklärerischer Vernunft wird im Fegefeuer des Heideggerschen "Seyns" geopfert. Der Mensch soll nun - Ihrer Heidegger-Interpretation zufolge - ganz in seiner Hörigkeit aufgehen. Tatsächlich könnten Sie sich auf Heideggers Schrift "Was heißt Denken?" berufen, dort umschrieb der Philosoph aus Meßkirch "Denken" als Lauschen auf das "Sich Entziehende", als eine dem kritischen Beobachter durchaus lemminghaft erscheinende Form von Besessenheit. So versteht es sich von selbst, daß die Hörigsten der Hörigen, die die Winke des Seins als Geschick entsprechend zu deuten verstehen, indem sie sich in An-Spruch nehmen lassen und diesen An-Spruch reflexartig weitergeben, den Rest der Welt zum Ge-hor-chen gegenüber den daraus resultierenden Anweisungen verdammen. Blinder Gehorsam ist das Resultat einer jeden Hörigkeit. Obwohl Sie sich später von Heideggers angeblichen "Stehenbleiben in Endfiguren des besinnlichen Denkens" abgrenzen, um gleichsam "überheideggerisch" eine "Naturgeschichte der Gelassenheit" und eine "Sozialgeschichte der Zähmungen" zu entwerfen, stellt sich schon jetzt die Frage, ob es gemäß Ihrer Auslegung einen qualitativen Unterschied geben kann, zwischen den von Ihnen im obengenannten "Lettre"-Aufsatz erwähnten "von Aliens entführten Zombies" und der "ekstatischen Verhaltenheit" Heideggers. Kann nicht in beiden Fällen von Hörigkeit gesprochen werden? Die von "Aliens" - gemäß Ihrer Aussage in "Lettre"- in Bann geschlagene Menschheit ist ebensowenig ihrer selbst noch mächtig, wie Heideggers "Dasein", das sich dem "Seyn" zur Verfügung stellt. Dem Hörigen ist es letztlich egal, wer oder was ihm die Möglichkeit bietet, sein Hörigkeitsbedürfnis auszuleben: Zwischen dem Heideggerschen "Seyn" und Graf Dracula, der sich seiner hörigen Opfer bedient, bestünde demnach kein ersichtlicher qualitativer Unterschied. Aus der Sicht des Hörigen - und nur aus dieser Perspektive denkt sich ja auch der späte Heidegger seine "ek-statische Verhaltenheit" - erscheint Dracula wie die übermächtige Seynsmacht selbst. Der Ergriffene geht ganz im Ergriffenwerden auf und läßt sich davon auszehren. Er fragt nicht mehr nach dem Wesen des Subjekts, das ihn verzehrt, denn in der absoluten Hörigkeit vergeht ihm jedes Fragen. Leider haben Sie vergessen zu erwähnen, lieber Peter Sloterdijk, daß eine so verstandene "Eigentlichkeit" sich selbst aufhebt, denn der Eigene hat noch etwas, nämlich sich selbst, während der Hörige das nur ihm Eigene längst vergessen hat - wie ein Ertrinkender in einem schwarz-braunen Lethefluß. Die heideggersche Seinsvergessenheit mündet dieser Deutung gemäß in eine neue Vergessenheit (des Eigenen) veranlaßt durch das "Seyn"… Es ist Ihr Verdienst, lieber Herr Sloterdijk, Heideggers "linkische Außer-Ordentlichkeit" wieder auf das Trapez der Naturgeschichte zurückgebogen zu haben, indem Sie dessen ek-statische Sucht zum Seyn als "Überschuß an animalischer Unfertigkeit" in den Kontext der Frühgeburtlichkeit des Menschen stellen. Der Mensch, der "an seinem Tiersein und Tierbleiben" gescheitert sei, "stürzt sich aus der Umwelt" in den "ontologischen Sinn", den er seiner ge-trieb-enen Hörigkeit verleiht. Das "Seyn" wird zum Surrogat des Mutterschoßes… Da liegt die von Ihnen angestoßene Assoziation "Haustier" schon irgendwie nahe, denn höriger als das Haustier Hund kann nicht einmal ein Heidegger sich gebärden. Und ob nun der Hund die Hundehütte oder Heidegger sein "Haus im Rücken" hat - worauf Sie ebenso indirekt wie vieldeutsam hinweisen, macht das denn noch einen Unterschied? Beide Male werden Prozesse der Domestikation beschrieben, die Sie brillant als solche entlarven. Allerdings behaupten Sie dann - wie mir scheint - etwas allzu gewagt, daß Menschen erst "hinter den Mauern ihrer Häuser zu theoriefähigen Wesen" werden würden. Das Über-Sich-Selbst-Hinaus-Denken wäre demgemäß ein Produkt der Seßhaftigkeit. Wollen Sie Nomaden allen Ernstes die Fähigkeit des Denkens absprechen? Sie sehen also, werter Herr Sloterdijk, daß ich mich trotz kritischer Analyse durchaus bemühe, ihrem Text auch geistig produktive und inspirierende Funken abzugewinnen. Aus Heideggers - m. E. nur scheinbar "gesicherten", tatsächlich aber un-heimlich anmutenden - "Häuslichkeit" treten Sie nun hinaus in den "Kampfplatz der Lichtung", auf den "Ort der Entscheidung", der die Frage der "Selektion" einer Endlösung entgegentreiben soll, indem entschieden werden soll, "welche Arten von Häuserbauern zur Vorherrschaft kommen" sollen. Mit Nietzsche und Platon paraphrasieren oder präzisieren Sie dann die erwarteten "Kämpfe" als solche über "Richtungen der Menschenzüchtung": Die Humanisten des Abendlands werden als "Kleinzüchter" gebrandmarkt, die nun durch "Großzüchter" ersetzt werden sollen. Schon Nietzsche habe die heute realisierbaren Anthropotechniken im Sinn gehabt, als er sich vom humanen Status quo als demjenigen der "Haustier- und Kleintierzeit" verabschiedete. Sie charakterisieren das als "Nachdenken über die Humanität jenseits der humanistischen Harmlosigkeit" - ein schön-glitzerndes und Sie irgendwie faszinierendes "gefährliches Denken". In Ihrem Abstieg aus Heideggers transbiologischen Sphären überbieten Sie noch den Schrecken der Homerschen Unterwelt, indem Sie nun - von Nietzsche ausgehend - die "anspruchsvolle These" auszusprechen wagen, daß "Menschen Tiere sind, von denen die einen ihresgleichen züchten, während die anderen die gezüchteten sind". Es käme nun im "technischen und anthropotechnischen Zeitalter" nur noch darauf an, nicht "als Objekt, sondern als Subjekt der Auslese" zu "existieren", sich also auf die richtige Seite zu schlagen, auf der Sie sich selbst natürlich längst wähnen (als Experte und Meisterdenker, der von der "Deutschen Presseagentur" als Denkersatz immer wieder eingeladen wird), auf die "aktive oder subjektive Seite der Selektion" nämlich. Statt - wie die Moralisten, die ewigen Nörgler - in der "Sterilität bloßer Weigerung" stecken zu bleiben, soll "das Spiel aktiv aufgegriffen" werden und ein "Codex der Anthropotechniken" formuliert werden. Leider gaben Sie in ihren bisherigen Antwortschreiben an Ihre Kritiker keine klare Auskunft darüber, nach welchen Kriterien dieser "Codex" denn formuliert werden sollte. Darüber würde "im kommenden Jahrzehnt eine Art allgemein anthropotechnisches Konzil" entscheiden, präzisierten Sie kürzlich in einem "Focus"-Interview. Ein solches Konzil werde dann - wohl nur durch sich selbst legitimiert? - "den Weltdialog über sinnvolle Limitierungen der Humanbiotechnik führen und Vorbereitungen treffen für die Formulierung eines Codex" - natürlich jenseits und unter Abzug der humanistischen Menschheitserfahrung, unter Leugnung auch all der philosophischen Diskurse über Fragen der Ethik, deren "angebliche Illusionen" sich nicht mehr halten lassen. Das Christentum sei ja ohnehin längst keiner Rede mehr wert. Ähnlich äußerte sich bereits vor einigen Jahrzehnten B.F. Skinner, Begründer des Behaviorismus, Opponent einer "menschlichen Würde" und dementsprechend Prediger einer nur dem technischem Fortschritt unterworfenen beliebigen Konditionierung des Menschen. Heute, so behaupten Sie in Ihrer Elmau-Rede, seien die "neuen Medien der politisch-kulturellen Telekommunikation in Führung gegangen". Die daraus resultierenden "politischen und ökonomischen Großstrukturen" - Stichwort: Globalisierung - könnten nicht mehr "nach dem amiablen Modell der literarischen Gesellschaft organisiert werden". Im Klartext bedeutet das nichts anderes, als daß künftig instrumentelle Erfordernisse über das Kleinvieh Mensch entscheiden sollen. Es versteht sich von selbst, daß "ungeeignete Naturen ausgekämmt" werden müssen, um die "Eigenschaftsplanung einer Elite" voranzutreiben. Damit würde dann dem "Programm" des "Über-Humanisten" eine Erfüllung zuteil. Als Orientierungshinweis proklamieren Sie in Anlehnung an Platon die "Neuzüchtung von urbildnäheren Menschenexemplaren" - ohne Auskunft geben zu können oder zu wollen - welcher Gestalt denn dieses "Urbild" sein soll. Wieder delegieren Sie die Verantwortung - diesmal nicht an ein "anthropotechnisches Konzil", sondern an einen "Weisen", an einen Guru, oder deutlicher: an einen "Führer", der dann aus seinem "züchterischen Königswissen" heraus die "Herdenwartung" übernehmen soll… Aber leider, leider - so enttäuschen Sie zum Schluß alle hochgespannten Erwartungen Ihrer Leser auf eine mindestens im Sinne Stefan Georges erlösende Botschaft aus berufenem Mund - "scheint es nun, zweieinhalbtausend Jahre nach Platos Wirken, als hätten sich nicht nur die Götter, sondern auch die Weisen zurückgezogen, und uns mit unserer Unweisheit und unseren halben Kenntnissen in allem allein gelassen". Das klingt jämmerlich, jedenfalls nicht Ihrer heroischen Pose im Bildnis DER ZEIT gemäß… Zurück bleibt ein irgendwie kindlich wirkendes Bewußtsein, eine Trauerweide namens Sloterdijk, das in seiner geistigen Verlorenheit Trost ersehnt von einer absoluten Autorität. Wurden eben noch die Humanisten als vermeintliche Sektierer an den Pranger gestellt, wird jetzt der nicht konkret ausgesprochene, aber dennoch erahnbare Wunsch preisgegeben, sich selber von der Sekte des künftigen Generalzüchters zur Hörigkeit abrichten zu lassen, um dann als höriges Glied einer Selektionsmaschinerie den "Betrieb der Menschenparks" in Gang zu bringen. Diese sich in Ihrem diffusen Sprachkosmos entbergende Abstinenz (selbst)kritischer Intelligenz steht ganz offenkundig Lichtjahre entfernt von einem philosophischen, sich selbst kritisch reflektierenden und im öffentlichen Dialog rechtfertigenden Selbstbewußtsein. Ich würde Sie ja gerne an die Hand nehmen, aber leider bin ich kein Guru und würde mich auch hüten, jemals einer zu werden. Mit einem freundlichen virtuellen Händedruck verbleibe ich Ihr Steffen Graefe P.S. Nun war doch alles umsonst: In der "Information Philosophie" vom Juni 2000 habe ich gelesen, dass Ihre Rede nur ein "lang gezogener melancholischer Scherz" gewesen sein soll. Ein Scherz mit publizistischem Knalleffekt. Vielleicht sollten Sie sich doch noch bei "Big Brother" bewerben! Dieser Vorschlag ist sehr ernst gemeint. |