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2.1 Die totale Herrschaft
Als es den Ostblock noch gab, wurde der Begriff des Totalitarismus von manchen angegriffen, weil er sowohl Faschismus als auch Stalinismus umfaßt. Ich werde später darlegen, daß Arendts Begriff des Totalitarismus unabhängig von der herrschenden Ideologie auf jede Staatsform zutrifft, die ihre Bewohner terrorisiert.[14] Das totalitäre Regime ist nach Arendt eine neue Staatsform, eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, etwas nie Dagewesenes. Und wie der Arzt Karzinome, Tumore und andere bösartige Erkrankungen ausdifferenziert, vor denen der Patient nichts als Angst empfindet, so analysiert Arendt unerschrocken die Unterschiede zwischen Nationalismus, Imperialismus, und totalitärer Bewegung. Ernst Vollrath sagt in seinem Aufsatz über Hannah Arendt in Politische Philosophie des 20. Jahrhunderts: [15]
Ihre apokalyptische Interpretation
des Totalitarismus ist heftig kritisiert worden. Aber wichtige Momente, die
sie an ihm herausgearbeitet hat - der Bewegungscharakter, der die staatlichen
Strukturen aufzehrt, die Partei neuen Typs, die "Zwiebel"-Struktur
der Organisationen, die Rolle der Geheimorganisationen -, gehören auch
heute noch zu den wichtigsten Einsichten in das Phänomen. Die Deskription
der konstituierenden Momente wird beschlossen mit einer Strukturanalyse dieser
Elemente in Gestalt einer an Montesquieus Verfassungstheorie orientierten
"Regierungslehre" des Totalitarismus.
Meine Darstellung orientiert sich im folgenden zum Teil an den von Vollrath hervorgehobenen Elementen: Bewegung (2.1.5), Partei neuen Typs (2.1.3), Geheimorganisationen und Zwiebelstruktur (2.1.4), Regierungslehre des Totalitarismus (2.1.6) sowie das apokalyptische Moment in Arendts Beschreibung (2.1.7). Beginnen möchte ich aber mit dem Nationalismus (2.1.1) und dem Imperialismus (2.1.2). |